Tango lernen - eine psychosomatische Betrachtung

"Sprich mit mir!" [ein verzweifelter Körper]

In dem Video sehe ich den Tangolehrer reden – sehr(!) viel(!) reden. Um ihn herum stehen andächtig lauschende Hirnbesitzer. Ein Großhirn spricht mit anderen Großhirnen. Das wäre auch adäquat, wenn kognitiv zu verarbeitende Inhalte zu vermitteln wären wie Mathematik oder „Wie wähle ich eine gute KfZ-Versicherung?“. (Meinetwegen auch ein Kochrezept, wobei auch hier der Verstand nur dienend fungieren sollte, so meine feste Überzeugung.)

Aber in dem Film geht es um Tangounterricht. Leider kann das Großhirn nicht tanzen – selbst wenn es wollte! Es kann denkend analysieren, bewerten, strategisch denken, abstrahieren und was weiß ich noch alles. Es kommuniziert und funktioniert via Sprache, die ja auch schon eine Abstraktion der Welt darstellt. Tanzen hingegen ist nicht sein Ressort.

Wer hier operativ zum Zuge kommt, ist der Körper mit seinen unwillkürlichen Steuerungsmechanismen. Wie bei allen Angelegenheiten, die einfach leiblich geschehen, vorausgesetzt, man lässt es zu, ohne die komplexen Ausbalancierungen durch Einmischung zu stören.

Wir betrachten hier zwei vollkommen verschiedene Funktionskreise: Das Willkürliche – also Verstand und Wille mit Sprache, Logik etc. – und den Körper, das Unwillkürliche (auf schlau „das Vegetativum“) plus das Unbewusste, zusammengefasst als das ES.

Georg Groddeck, quasi der „Psychosomatikerfinder“, stellte noch vor dem guten alten Freud seine Hypothese vom ES vor, die viel weiter gefasst war, als Freud, der den Begriff übernommen hatte (geklaut?), es tat. Er schreibt vom ES als Begriff für eine Arbeitshypothese, die nicht stimmen müsse, da nicht beweisbar, ihm aber bei seiner Arbeit mit Patienten helfe. Das gefällt mir sehr.

Laut Groddeck ist das ES eine Instanz, die lange vor dem Verstand, schon im Mutterleib, damit beginnt, Erfahrungen zu sammeln und diese in Bildern samt Gefühlen in einem riesigen Lager deponiert – und das für unseren logischen Verstand auf eine megachaotisch vernetzte – auch vielleicht peinlich archaische – Art und Weise. ES weiß alles, was du jemals erlebt hast. ES will dich beschützen, dir flüstern, was gut für Leib und Seele ist und was eben nicht. Und zwar genau jetzt, in diesem Moment. Planen ist nicht so dein Ding. Eher warnen, in Form eines gefühlten „Obacht! Nicht gut! Weg da!“.

Außerdem entlastet ES dein bewusstes Denken.

Wo kämen wir denn da hin, wenn wir jede winzigste Durchführungsanordnung beim Atmen zum Beispiel bewusst steuern müssten? Oder beim simplen Gehen jeden einzelnen unserer Muskeln mit genauer Anweisung versorgen müssten? Weißt du, wie viel Magensäure genau dein Schnitzel – egal ob Tofu oder totes Kalb – braucht, um ordentlich zerlegt zu werden? (Ich befürchte, wir würden verhungern, ersticken, auf die Schnauze fallen, egal in welcher Reihenfolge.)

Ich bin sehr froh, dass wir in einem Alter laufen lernen, in dem der Verstand noch zu zart, zu wenig dominant daherkommt. So darf ES mit dem Körper einfach so lange in Ruhe untersuchen, wie das mit dem aufrechten Gang am besten funktioniert: Laufen, stolpern, hinfallen, aufstehen, nachjustieren, probieren, laufen, stolpern, hinfallen, hochunordentlich zum „da capo al fine“. (Gut, dass wir Atmen Lernen sehr viel schneller hinkriegen.)

Und dann, irgendwann, geht unser Körper sicher und stabil. Leib und Seele sind glücklich, und das Großhirn auch, weil es sich nicht drum zu kümmern braucht, und sich den Tätigkeiten seiner Stellenbeschreibung widmen darf. So einfach ist das.

Und das Hirn?

Natürlich kann es für den Verstand eine hochspannende Sache sein, diese körperliche Tätigkeit zu analysieren! Ist ja ein teuflisch ausgefuchstes Konzept mit all den beteiligten Muskelketten, Stellreflexen, balanceerhaltenden Systemen und was noch alles dazugehört. Dennoch: Haben wir ein gewissen Alter erreicht, läuft unser Körper. Einfach so. Er ist in dieser Branche der zuständige Meister im operativen Bereich.

Auch die Atmung lässt sich vortrefflich analysieren. Immer noch staune ich, was unser Körper da so alles – ganz alleine – hinkriegt! (Das nennt man dann „Das Unbewusste mit dem Bewussten synchronisieren“.) Er lässt nebenher unser Herz schlagen, schickt Blut in alle Winkel, das Immunsystem macht Erreger und kranke Zellen platt, koordiniert Stoffwechsel und hormonelles System und schickt Spannungsimpulse in unsere Muskulatur – dosiert situationsangepasst (aus der Sicht des ES), z.B. die Atemfrequenz, Puls und Muskelspannung.

Und genau an solchen messbaren Reaktionen und an der Körpersprache mit Mimik, Gestik kann man wunderbar erkennen, ob ein Körper, ein ES, sich wohlfühlt – oder eben nicht. Das nennt man in der Psychotherapie „somatische Marker“.

Manchmal mag ein Körper auch nicht so deutlich sprechen, dann spüren wir vielleicht nur ein diffuses Unbehagen. Wo sich selbiges zeigt, ist hochindividuell. Maja Storch (Psychologin) vergleicht das ES mit einem inneren Strudelwurm, der „Hmpf“ sagt, wenn ihm etwas nicht passt und seinen Besitzer vom Unbekömmlichen wegdirigieren will.

Leider sehe ich in den letzten Jahren immer mehr unglückliche Körper, die von ihrem Besitzer zum Tango getragen werden, deren somatische Marker laut schreien „Das ist doch scheiße , was du da von mir verlangst! Ich will das nicht!“.

Beim Tango

Dennoch kann man als Tanzpartner – mit manchen Körpern zumindest – verhandeln. Vorausgesetzt, man spricht mit dem eigenen leiblichen Unwillkürlichen zum anderen: „Ich will dir nix tun, alles ist sicher, ich halt dich, ich lass dich gut aussehen, wir machen uns eine schöne Zeit miteinand, ich hör dir zu... Was brauchst du, lieber anderer Körper, dass es dir gut geht? Dass du dich deinen Fähigkeiten entsprechend schön und wohlig bewegen kannst?“ (grobe Übersetzung). Dazu muss man mit dem eigenen „Leib und Seele Komplex“ und kreativer Bildersprache allerdings schon ein bissele vertaut sein.

tangofish flamingo

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Das funktioniert! Nicht nur bei Normalos, sondern gerade auch bei Menschen, deren Bewusstsein nach einem Hirndefekt nicht so ganz greifbar ist. Wachkomapatienten zum Beispiel haben einfach keine andere „Sprache“ zur Verfügung als die somatischen Marker, manchmal auch keine sprachverarbeitenden Abteilungen im Hirn, die ihnen den Sinn dieser eigenartigen Laute entschlüsseln könnten.

Sogar mit Menschen, die im „Syndrom reaktionsloser Wachheit (UWS – unresponsive wakefulness Syndrom)“ feststecken, ist Tangotanzen nicht nur möglich – Ich wage sogar zu behaupten: heilsam! Ich habe als Krankenschwester mehrere solcher Patienten erlebt. Sie waren in ihrem „Leben davor“ leidenschaftlich Tanzende. Für Tänzer ist der Tanz eine Sprache, ein lebenswichtiges Ausdrucksmittel, auch wenn sie nur noch sehr minimalistisch praktiziert werden kann. Und sie waren sehr glücklich, sich so ausdrücken zu dürfen und auch gehört und verstanden zu werden. Zusätzlich zum Vegetativsprech, der ja in seinem Vokabular doch ein wenig eingeschränkt ist.

„Geschehen lassen“ versus „machen“

Tangotanzen geschieht, wenn man Leib und Seele nicht stört. Tangotanzen kann man nicht „machen“. Wie Schlafen, das kann man auch nicht „machen“: Das Großhirn kann nur die äußerlichen Bedingungen überwachen und steuern, wie den Körper rechtzeitig ins Bett schicken, Licht und Handy aus, Lüften, solche Dinge eben. Das Einschlafen an sich geschieht mit uns. Mit dem Sex ist es genauso.

Mit dem Körper sprechen

Um Tango zu tanzen und zu lernen, muss man meiner festen Überzeugung nach mit dem Körper des Aspiranten sprechen. Warum sollte man auch die ganzen Informationen, die für das ES, für Leib und Seele bestimmt sind, an das Großhirn adressieren? Das kann nix damit anfangen und analysiert in seiner Verzweiflung den Tango zu Tode.

Wir haben es nun mal mit zwei völlig verschiedenen Funktionskreisen zu tun – Bewusstsein und das ES – die auch noch verschiedene Sprachen sprechen. Dabei ist keiner höherwertiger als der andere, aber wenn wir als Bewegungslehrende, welcher Art auch immer, mit der Instanz sprechen, die eben nicht zuständig ist, erzielen die Schüler keine wirklichen Erfolge. Sie „machen“ das, was das Hirn des Lehrers von ihnen will, statt zu lernen, Bewegung geschehen zu lassen. Und so sieht es halt dann auch aus.

„Geschieht“ eine Bewegung, wie es für den Körper am besten ist, nicht so, wie es das Großhirn meint, wird selbige automatisch entspannter, organischer und damit eleganter.

Sprechen wir dagegen auf der Leib-und-Seele-Ebene, darf der Körper lernen. Und das ES ist sehr viel zufriedener, funkt nicht mit fiesen Verspannungen hinein in den Tanz, der gerade friedlich vor sich hin wächst.

Das klappt natürlich nur, wenn ein Leib mit seiner Seele auch tanzen möchte!

Ein vom Großhirn gegen seine Bestimmung zum Tangounterricht zitierter Körper („Wir müssen jetzt endlich was für unsere Ehe tun!“ oder ähnliches) wird sich immer wehren. Und manchmal frage ich mich, warum der Körperbesitzer für selbigen keine bekömmlichere Bewegungsform findet, bevor er sich via Verletzung aus der Gefahrenzone befreit.

Zusätzlich befürchte ich, dass gerade diese Menschen so sehr an den Lippen ihres Tangolehrers hängen. Großhirne sind bekannt dafür, sich Sachverhalte so hinzuargumentieren, dass sie erfolgreich verdrängen können, dass ihr Körper Tanzen für einen unbekömmlichen Schmarrn hält. Dummerweise hat das Bewusstsein die Regentschaft übers Portemonnaie und die Entscheidung, Kursgebühren zu entrichten.

Konkret bedeutet das meiner Meinung nach, fruchtbarer Tangounterricht besteht vornehmlich aus Tangotanzen. Tangotanzen. Tangotanzen.

Als Anleitender kann man bei den Tanzenden durchaus Korrekturen anbringen in Form von Berührungen und Bildern, „berührenden Bildern“ eben. Eric Franklin, ein Choreograf und Bewegungspädagoge, ist darin ein Meister. Die Kunst besteht darin, diese Bilder im Lernenden so am Großhirn vorbei zu schleusen, das sie nicht in Frage gestellt oder als peinlich verworfen werden. So ein Bild muss (!) sich gut und stimmig anfühlen, dann verweist es auf eine Ressource, die schon im Schüler wohnt und genutzt werden kann. Ist es das richtige Bild, zeigen das die somatischen Marker: ein seliges Lächeln, Entspanntheit, Puls und Atemfrequenz sinken auf Relax-Niveau. Die Balance verbessert sich so nach und nach automatisch.

An Bildideen kann wirklich alles mögliche dabei sein: vom Tiger über eine dickarschige Jazzsängerin bis zu Wasserfall, Waldesduft, Schwarzwälderkirsch. Es darf gelacht werden, je spielerischer, desto besser. (Ist Tanzen nicht sowieso ein Spielart von Spielen?) Im Psychotherapeutensprech nennt man diesen Vorgang Embodiment.

Den Stress herausnehmen

Gerade bei Männern, die plötzlich „jetzt aber mal g'scheit führen sollen“, erlebe ich oft enormen Stress. Sie sollen (oder wollen?) den Tango „machen“, fühlen sich verantwortlich für alles, was im Paar geschieht, wollen nicht langweilen. Dabei ist Tanzen Kommunikation – beim Tango zwischen zwei Menschen für drei mal drei Minuten. Ungefähr. Und für ein Gespräch, auch ein Leib-und-Seele-Gespräch, sind beide verantwortlich. Auch das sogenannte „Folgen“ ist ein aktiver, tänzerischer Prozess, der mit einer neuen Idee antwortet. Darum ist es auch so lohnend, sich als Anfänger gleich welchen Geschlechts mit guten Tänzern (auch egal welchen Geschlechts) auf die Fläche zu wagen. Die beherrschen diese Leib-und-Seele-Sprache nämlich hervorragend. Und genau die gilt es zu lernen, will man ein superguter Tänzer werden. Gilt für Tänzerinnen natürlich genauso.

Da könnte sogar ein Tangolehrer zum Äußersten greifen und mal mit Lernenden tanzen. Ich weiß, das ist vermessen. Pardon.

Die richtige Adresse wählen

Das Großhirn möcht natürlich nicht vernachlässigt werden: Tangogeschichte oder ähnliches sind nettes Futter, wenn sich der Körper mal ausruhen möchte. Für Fortgeschrittene können später auch mal Bewegungsanalysen mit eingestreut werden, aber bitte erst, wenn es den Körper beim Bewegungen Lernen nicht mehr stört. Solche Informationen für den Verstand sind oft interessant, verbessern aber das Tanzen an sich kein bisschen. (Ich tanze seit 47 Jahren und habe diverse Lehrkonzepte in verschiedenen Tanzrichtungen als User testen dürfen.)

Die Musik fühlen lassen

Für wen welche Musik „zu schwierig“ ist, welche Klänge ein fremdes ES entzücken, kann ein Tangolehrer nicht beurteilen. (Als ich mit Tango begann, hatte ich schon jahrelange Hörerfahrung mit fiesen Bebop-Klängen ;)

Musik spricht idealerweise mit dem Unbewussten. Dann sind wir berührt, oder werden sentimental oder was auch immer. Lernziel: Die Musik fühlen! Wie fühlt sich eine Phrasierung an? (Statt: Wie zählt man sie?) Wie atmet die Musik? Dann erwischt man füher oder später auch die Eins.

Wie wäre es, verschiedenste Stücke im Unterricht aufzulegen und zu schauen, was die Lernenden inspiriert? Ausprobieren? Somatische Marker checken?

Ich meine nicht, dass „Welpenschutz“ vonnöten ist. Viel wichtiger finde ich es, beizubringen, wie man herausfinden, nein, eher herausfühlen kann, welche Musik den Körper erfreut und zum Tanzen inspiriert. Neben der Tatsache, dass das sowohl hochindividuell als auch tagesformabhängig daherkommt.

Und dass kein Blitz vom Himmel herabfährt, wenn ein Tangoschüler merkt, dass sein Körper am liebsten tangotanzend zu schwülen Jazzklängen schwoft. Wird dann halt a bissele schwierig mit der Umsetzung auf den Milongas. Aber eine Möglichkeit finden, um genau das tun zu dürfen, ist jetzt wirklich ein prima Aufgabe für das Großhirn. Dann ist der ganze Mensch zufrieden. So ganzheitlich. Mit Leib und Hirn und Seele. Oder?

Herzliche Grüße!

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© 2022 Manuela Bößel * tangofish
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