Mein alter Freund Pablo kennt mich zu gut. Selbstverständlich rechnet er mit ausgeprägtem Fremdeln bei Präsentation fragwürdig-esoterischer Inhalte. Er hat mir bei seinem letzten Besuch nicht alles, was er über Reiki weiß, erzählt. (Lies hier, wie es begann: https://www.tangofish.de/blog/pablo-hat-reiki-entdeckt/)
Und ja: Da wäre ich schon am Anfang ausgestiegen!
Laut Tante Google und diverser anderer Quellen lebte der japanische Reiki-Erfinder Mikao Usui 1865 bis 1926. Sicher belegt werden kann eh nur wenig – wenn überhaupt, da vordigital. Und dazu noch in einer anderen Kultur mit fremder Sprache, Schrift und anderen Gepflogenheiten. Das hindert aber viele Webseiten-Schreiberlinge nicht daran, einfach mal irgendwas Unbelegtes zu behaupten. Oder das Unbelegte irgendwo abzuschreiben. Und diese (zugegeben hübschen) Geschichtlein werden zum Teil als Wahrheit weitergetragen von einem Ohr (oder Bildschirm) zum anderen. Wer einmal „Stille Post“ gespielt hat, weiß, was da entstehen kann.
und nutze sie oft und gerne. Eine schöne Arbeitshypothese kann das Verständnis für ein Konzept fördern, man kann sich darin bewegen und mit ihr arbeiten. Doch bildet solch ein Modell niemals die Wirklichkeit 1:1 ab!
Aber wenn mir versichert wird, das wäre die „absolut-wirkliche-Wirklichkeit-in-echt-wahr“, entwickelt sich in mir ein handfester Grant. Die reikische Arbeitshypothese hat unser lieber Usui vor über hundert Jahren für Japaner mit japanischen Kulturideen entwickelt – eben nicht für uns Mitteleuropäende im Jahr 2025.
Die Reiki-Ideen sprechen über Bilder das Unbewusste und damit den Körper an. Aber die Unterscheidung zwischen Arbeitshypothese und Realität brauch ich schon.
Ob und was da „fließt“ – was letztendlich wirkt (oder auch nicht?) kann keiner wissen. Was man beobachten kann, sind meist positive, aber höchst subjektive Empfindungen der Reiki-Empfangenden, die sich (noch) einer objektiven „Messung“ entziehen. Das finde ich in Ordnung. Nicht alles, was hilft, muss für mich wissenschaftlich fundiert daherkommen.
Ein Beispiel: Diese geheimnisvolle Reiki-Energie könne erst nach einer sogenannten Reiki-Einweihung wirksam weitergegeben werden – also dem rituellen Öffnen der Energiekanäle in den Handflächen durch einen Reiki-Meister. Es gibt vier Level, die jeweils dem Reifegrad entsprechende Fähigkeiten vom Meister erhalten – alles in einem streng protokollierten Rahmen mit Vorschriften, Lehrplänen und vor allem Verboten.
Das standardisierte Einweihungsvorgehen wurde wohl nicht von Usui himself festgeklopft, sondern wahrscheinlich erst später von einer Schülerlinie. Könnte also durchaus sein, dass es dem Reiki-Erfinder eben nicht um Implementierung eines exklusiven Expertenclubs ging.
Die Usui-System-Anhänger sind trotzdem wahnsinnig stolz auf ihre „Ahnenreihe“, die stammbaum-ähnlich die Reiki-Herkunft belegen sowie als Qualitätsnachweis dienen sollen. Diese Fraktion bezeichnet sich einzig-echt-und-traditionell, was allen anderen, zum Teil sehr viel liberaleren Strömungen ein höchst unseriöses Geschmäckle beschert. Aber dieses Vorgehen kenne ich ja aus dem Tango-Milieu.
wird um die sogenannten Reiki-Symbole veranstaltet. Das seien magische Zeichen – japanische Schriftzeichen mit Bedeutungen wie zum Beispiel „Schutz“ oder „Kraft“ und ähnlichem, die nur und ausschließlich nach Einweihung im Geheimen weitergegeben werden dürften.
Die Suchmaschinen sind da nicht so pingelig: Seitenweise finde ich unzählige Bilder, Poster, Bücher, sogar Tatoo-Vorlagen. Sehr dekorativ! Aber vielleicht ist Tante Google Reiki-Meisterin? Man weiß es nicht. Ich schätze die Gefahr der unlauteren Symbol-Nutzung ähnlich hoch ein wie zu Piazzolla Tango zu tanzen. Auch da fährt kein Blitz vom Himmel herab.
Das zeigt deutlich, dass eine gute Geschichte – auch wenn selbige unbewiesen bleibt – als Gemeinschafts-Kleber äußerst wirksam ist, inklusive Abgrenzung gegen andere Gruppen.
Liegt für manche Reiki-Schaffende der Reiz darin, Teil einer Gemeinschaft ganz besonderer Menschen zu sein? Außergewöhnliche, ja fast magische Fähigkeiten zu haben, die den Normalos verwehrt sind?
Sehr interessant finde ich die folgende Textpassage, die angeblich aus dem Original Handbuch Usuis stammt, das er um 1925 für seine Studenten geschrieben hätte. (Quelle: https://reiki.axelebert.net/de/usui-handbuch.html)
„Warum ich Reiki öffentlich unterrichte -
von Mikao Usui, Begründer des Usui Reiki Ryoho
Von alters her geschieht es oft, dass eine bestimmte Methode nur den eigenen Nachkommen unterrichtet wird, um den Wohlstand innerhalb der Familie zu bewahren. In modernen Gesellschaften wie der unsrigen ist es aber geboten, das Glück von Existenz und Wohlstand zu teilen. Somit erlaube ich meiner Familie nicht, die Methode verborgen zu halten.
Mein Usui Reiki Ryoho ist einzigartig, und es gibt in der Welt nichts Vergleichbares. Ich möchte diese Methode für die Öffentlichkeit freigeben, damit jeder davon profitiere.
Möge sie allen Lebensfreude bringen. Mein Reiki Ryoho ist eine Originalmethode, die auf der intuitiven Kraft des Universums beruht. Durch diese Kraft wird der Körper gesund, dann werden Lebensfreude und Frieden im Geist gesteigert. Heutzutage brauchen wir Verbesserungen und Umstrukturierungen innerhalb und außerhalb unseres Lebens. Ich gebe meine Methode frei, um den Menschen mit körperlichen und geistigen Krankheiten zu helfen. (...)“
Ich lese das sofort ein zweites und drittes Mal. Hab ich das wirklich richtig verstanden?
Wie passen diese beiden Aussagen zu den exklusiv-geheimen Kursinhalten, die Außenstehenden – also Nicht-Kursgebühr-Bezahlenden auf keinen Fall verraten werden dürfen? Und zu den teils horrenden Preisen für Kurs plus Einweihung?
Ob der obige Artikel wirklich von Herrn Usui selbst stammt? Sicher nachweisbar ist auch diese Geschichte nicht. Sie gefällt mir aber wesentlich besser als die einer erleuchteten Einweihungsfamilie.
finde ich einfach schön. Einfach und schön. Wenn es wirklich so sein sollte, wie Pablo schildert.
Noch frage ich mich, ob es für wohltuendes Handauflegen wirklich so einen ausführlichen, theoretischen Überbau braucht – dazu aus einem fremden Kulturkreis? Ist es die Exotik, die sich gut verkauft?
Und ja, ich spiele mit dem Gedanken, tatsächlich im Eigenexperiment zu testen, ob die Einweihungen etwas ändern am Handauflegen. Mal sehen. Ich werde berichten.
Auf jeden Fall ist mir die Reiki-Idee in diesem Licht viel sympathischer!
Ich schicke Pablo den Link zu obigem Text mit dem Kommentar "Sozialdemokratisches Handeln, spirituell erklärt!"
Und einen teuflisch grinsenden Smiley.
Statt einer Begrüßung schmettert mir Pablo entgegen:
»!!!DU MUSST!!! AUCH REIKI!!! LERNEN!!!! UN!BE!DINGT!!!!!«
Ich sammle die flüchtende Katze sowie einige herabgefallene Ausrufezeichen ein und schließe die Tür. Das Tier windet sich panisch in meinen Armen. Bevor es mir sein Hinterteil ins Gesicht stempelt, schubst mein Popo die Tür beherzt ins Schloss. Ich lasse die fliehwütig gesträubte Katze fallen und folge Pablo in die Küche, wo er schon an der Kaffeebereitung arbeitet.
Wieder einmal hat mein spirituell-achtsamer alter Freund ein Seminar besucht – seit Corona geht sowas auch online – was seine Begeisterung nicht schmälert. Das kenne ich schon: Wenn die Geister, die er sich dort geholt hat, mit der Verblassung im schnöden Alltag beginnen, wird der Gute wieder erträglich – genauer gesagt nach den Phasen Euphorie, Umsetzungs- inklusive Missionierungsversuchen und der Enttäuschung darüber, dass seine Kurse nicht laufen. Also kein Grund zur Sorge.
Heute steckt er bis Oberkante Unterlippe in Phase 1 (Euphorie). Da ist er für gewöhnlich genau so wenig zu bremsen wie Katze Frida im Freiheitsrausch: Ich lasse ihn reden. Und Kaffe machen. Aktionspotential ausleben.
»Reiki ist DIE universelle Lebensenergie! Die kannst du ganz einfach in dich hineintanken! Total cool! Rein, durch dich durch und dann – handauflegerisch – in deine Klienten fließen lassen! Wie ein aufgedrehter Lebensgeister-Stärkungs-Wasserhahn!«
Zu viele Ausrufezeichen, zu viele verschüttete Kaffeebohnen. Dieser Satz kein Verb. Wozu auch? Braucht er gewöhnlich nicht, so lange er sich im Verkündungsmodus bewegt. Vielleicht sollten wir Hand auflegen mit Handstaubsaugen ersetzen? Ich nippe vorsichtig an der Kaffeetasse.
»Was meinst du mit universeller Lebensenergie? Dein kaffeeähnliches Gebräu BELEIDIGT meine Lebensgeister.«
Ich schiebe Pablo zum Küchenhocker, pflanze ihn nieder und entsorge die Kanne transparent-hellbrauner Brühe im Abguss.
»Prana, Chi, Spirit, Heiliger Geist... DAS Geheimnisvolle eben, was den Unterschied ausmacht zwischen tot und lebendig.«, tönt es vom Hocker. Gut, die Ausrufezeichen nehmen ab. Jetzt kann man normaler mit ihm reden – wobei die Definition von normal bei Pablo einen gewissen Freak-Faktor berücksichtigen muss.
Wir wechseln zum Sofa. Katze Frida spielt Unsichtbarsein, wobei ihr die minimalistische Topfpflanze nur bedingt hilft.
Diese Lebensenergie-Idee ist mir nicht fremd: Bei manchen Wesen spüre ich mehr, bei anderen weniger. Mein minimalistischer Ficus zum Beispiel hat ein deutliches Defizit. Und irgendwas fließt spürbar durch meine Hände, wenn ich meine Patienten berühre. Könnte auch Einbildung sein, aber irgendwie scheint das gutzutun, zu beruhigen, zu entspannen. Manche schlafen dabei ein. Es kommt sogar regelmäßig vor, dass die Katze(n) meiner heilpraktischen Hausbesuchspatienten sich dazu kuscheln und schnurren. Auch in der Pflege hatte ich mir angewöhnt, mich beim Berührkontakt auf dieses merkwürdige warm Fließende zu konzentrieren – einfach weil es die Menschen anscheinend vegetativ herunterfährt. Puls und Blutdruck sinken, die Sauerstoffsättigung steigt, die Muskulatur entspannt, die Atmung vertieft sich und der Darm gluckert zufrieden. Manchmal erlöst ein Seufzer aus tiefer Seele den Drama-Belastungsknoten aktueller Probleme. Erzählt habe ich natürlich niemandem davon. Da wirst du schneller in der esoterisch-unseriösen Ecke geparkt, als du kucken kannst!
»Ja, das meine ich! Das kennst du! Wusst ich`s doch!«, bestätigt mir mein spiritueller Freund. Neugierig blitzen zwei Katzenaugen – inzwischen schon neben dem Blumentopf. »Und weißt du, was das Beste ist?«
Viele, wenn nicht sogar die meisten, die mit Menschen arbeiten, kennen das Gefühl des ausgelutscht Seins. Dieses Empfinden kann ein Klient verursachen, der sich an dich dranhängt wie eine vampirische Energie-Zecke. Manchmal verteilen wir Achtsamobersuperreflektierten auch Energie aus dem Reservoir, das nur für uns selbst vorgesehen ist, weil wir es so gut meinen und uns so stark wähnen. Dann wundern wir uns irgendwann über Erschöpfung oder ignorieren selbige – wenn`s sein muss bis zu Burnout, Bluthochdruck, Rückenschmerzen, Bauchweh, Schlafstörungen oder was auch immer. Und weil ein Konzept der inneren Haltung meist in allen Lebensbereichen benutzt wird, liefern wir unsere kostbare Eigen-Energie ebenso gerne im privaten Umfeld aus. Gelernt ist gelernt! Da nutzt die beste Resilienzfortbildung nur begrenzt. Der Verstand wüsste ja, wie es geht und kann prima darüber parlieren. Nur bestehen wir halt nicht nur aus Verstand.
Zart streicht Frida mir um die Beine, schnüffelt vorsichtig an Pablos Hosenbein. Dann drapiert sie sich wie hingemalt zwischen die Sofakissen – allerdings in größtmöglicher Entfernung zu unserem Besucher.
Pablo erklärt mir, während er Achten in seine Kaffeetasse rührt, dass Reiki irgendwie aus dem Göttlichen komme. Von welchem Himmelsvertreter speziell, wisse er auch nicht genau. Auf jeden Fall von oben. Welches Oben, dürfe man mit Hilfe des eigenen spirituellen Hintergrund selbst definieren. An meiner Zimmerdecke sehe ich zu viele Spinnweben.
»Du betest beim Reiki-Praktizieren ja niemanden, schon gar nicht im Speziellen, an. Eine Höchste Erschaffungswesenheit, die Leben einhaucht, leugnet ja nicht einmal die katholische Kirche. Wobei – manche Kirchenvertreter bezeichnen Reiki als Teufelszeug. Die meinen, man geistheilt wie Jesus. Aber das tut man ja gerade nicht! Nicht DU heilst wie der christliche Gottessohn, sondern die ENERGIE, die DURCH DICH durchfließt. DU bist nur der KANAL.«
Aha.
Beruhigt streiche ich in meiner Gedankenwolke die in orangefarbene Tücher gewandeten Barfußverfolger Pablos. Die Reikiszene ist wohl keine Sekte. Trotzdem vibriert mein interner Guru-Warn-Detektor auf niedrigem Niveau (Stufe 2 von 10).
»Reiki ist nicht nur das Anwenden, sondern eine Lebenshaltung!«
Der Guru-Warn-Detektor klickt auf 5, begleitet von einem Hauch Räucherstäbchenduft. Frida merkt auf.
»Es gibt fünf Lebensregeln:
1. Ausgerechnet heute: Ärgere dich nicht.
2. Ausgerechnet heute: Sorge dich nicht.
3. Ausgerechnet heute: Sei dankbar.
4. Ausgerechnet heute: Verdiene dein Geld ehrlich.
5. Ausgerechnet heute: Sei freundlich zu allen Lebewesen.«
Er lehnt sich im Sessel zurück und blickt mich erwartungsvoll an.
»Das kommt doch total glaubensrichtungs-kompatibel daher, gell? Und genial einfach.«
Ja, zweifellos, simpel, vernünftig und in den Alltag integrierbar, wenn auch nix grundlegend Neues. Mir gefällt besonders das Ausgerechnet heute... Das beschränkt den Erleuchtungsversuch auf einen Tag. Das könnt grad schaffbar sein. Die Katze dreht sich auf den Rücken und präsentiert ihren Bauch zur wohligen Kraulung.
»Zusätzlich: Falte die Hände jeden Morgen und Abend in Meditation und bete von Herzen. Denke mit deinem Geist und spreche mit deinem Mund. Das ist die geheime Kunst, das Glück einzuladen. Die wunderbare Medizin für alle Krankheiten. Zur Verbesserung von Geist und Körper...«
Das klingt schon mehr nach der Spiritualitäts-Marketing-Kiste. Bestimmt kommt jetzt gleich noch ein Satz mit »Mögest du...«, was meine schon erwähnte Intoleranz bis 7 oder 8 triggern würde. Drum unterbreche ich seinen Sermon:
»Pablo! Solche Formulierungen wachsen doch nicht auf deinem Mist! Spuck`s aus:
»Doktor Usui Mikao. Oder Doktor Mikao Usui. Mikao ist auf jeden Fall der Vorname. Japaner.«
Das erklärt Pablos kirschblütenbedrucktes Hemd und den akuten Verlust seines Kaffeekoch-Talents.
»So genau weiß man das alles nicht, ist ja auch schon urlang her.«
Mein alter Freund erzählt mit glänzenden Augen die Legende, die sich um Herrn Usui rankt, Doktortitel fraglich. Er habe sich mit Heilungsenergien befasst, die dem chinesischen Qigong ähneln, was ihn aber nicht zufriedenstellte. Diese Methoden schluckten seine eigene Energie: die altbekannte Therapeuten-Bredouille!
Also studierte er – auf der Suche nach einer Lösung – Psychologie, Medizin und alle Weltreligionen. (Alle? Alle. Das geht, ist ja eine Legende.) Frustriert darüber, dass dieses Anheizen seiner Hirnwindungen ebenfalls nicht fruchten wollte, verzog er sich in Klausur. Auf einen Berg. Allein. Fastend. Meditierend. Wie es sich für einen weisen Mann gehört.
Das erschöpft ziemlich, und so begab es sich, dass unseren Meister Usui eine Vision erwischte. So erhielt er Symbole: geheime, heilige Zeichen, die sich in seinem Inneren einnisteten. Das flashte ihn derart, dass er erst mal ohnmächtig wurde.
Wieder bei Sinnen fühlte Meister Usui sich so beschwingt und energiegeladen, dass er Reiki erfand: Eigen- und Fremdheilung durch Handauflegen.
Die Armen und Kranken der Elendsviertel kamen als erste in den Genuss, dem neuen Meister zu einem besseren Verständnis seiner Methode zu helfen. Ob selbige als Versuchskaninchen herhalten durften oder ob Herr Usui aus Menschenliebe handelte, ist nicht überliefert.
Später reiste er durch die Lande, heilte und aktivierte bei Interessierten den Zugang zu Reiki, dass sie sich auch selber – quasi expertenlos! – helfen konnten. Auf Reiki-Klinik- und Reiki-Gesellschaftsgründung folgten Reiki-Einweihungen von Reiki-Meisterschülern, die das Reiki-System auf der ganzen Welt verteilten. Klar, man kann ja nicht ständig alleinigselbst Kanal sein. Ein Tag hat auch für spirituelle Meister nur 24 Stunden.
»Apropos Zeit! Mamas göttlicher Schweinebraten wartet! Mit Knödeln!«
Pablo rupft zwei Margeritenstängel aus meiner Vase.
»Ausgerechnet heut`: Sei dankbar! Schau, wie ich Reiki schon in mein Leben integriert habe! Voll gut!«
Eher vermute ich die gelungene Integration von Mama Rosalies Kochkünsten. Er packt seine Reiki-Fan-Schildmütze und flitzt zur Tür. Mein nachgeworfenes STOPP! lässt ihn in der Bewegung einfrieren. Ich nehme Pablo meine Tatort-Tasse aus der Hand, gerade noch bevor er den Rest Kaffee in den Blumentopf kippt.
»Ciao!« Und fort ist er. Manchmal bin ich ganz schön neidisch. Soviel geballte Begeisterung...
Und ich sitze mit der Katze daheim und finde keinen guten Schlusssatz.
*** Und so geht es weiter: https://www.tangofish.de/blog/reiki-hintergrund-recherche-und-faktencheck/
]]>Alleine – nicht einsam! Diese Unterscheidung ist mir schon wichtig.
Jeden Tag bin ich da für die Menschen, die zwischen Jetzt und Gleich warten. Dann werden Sie fortgetragen. Und in dieser Zwischenzeit könnte ich sie schützen – wenn sie das wollten – vor Wind oder Regen oder Schnee. Vielleicht auch vor Blicken oder dem dicken Kater mit seinem Kastratenfalsett. Oder vor der Zeit.
Ich glaube, dass ich meine Aufgabe „Schutz“ ganz gut erledige. Ob das jemand merkt, ist nicht wichtig. Ich weiß es.
Manchmal schmücke ich den „Schutz“ mit dem Licht der späten Nachmittagssonne – einem kleinen, hellen Dreieck in meinem Bauch. Wenn ich Glück habe, kommt jemand dieses Lichtlein pflücken. Dann bin ich stolz und hadere nicht so sehr mit der abblätternden Farbe und dem Löwenzahn in den Ritzen, der mir wächst, wie euch Menschen die Achselhaare.
Aber so ist das halt, wenn man alt wird.
Die Menschen sehen nicht mich, sondern meine Schäden.
Was wisst ihr schon von mir? Wer sieht mich?
Bin ich eure Interpretation? Eure Leinwand für Ängste und Sehnsüchte?
Möchtet ihr mich überhaupt sehen?
Vielleicht bin ich ja eine Schublade in eine andere Welt?
Oder schwimme nachts mit den Nebelgeistern?
Meint ihr, ich bin da, auch wenn ihr nicht hinschaut?
Bin ich da?
Bin ich?
* Kichern *
Aber was weiß ich schon? Ich bin ja nur ein altes, abgeranztes Bushäusle.“
Dann war es wieder stille. Mein Hintern kalt. Ich bedanke mich recht herzlich beim Bushäusle und wackle wieder heim, um seine Geschichte niederzuschreiben. So war das.
]]>Jetzt ist es mal wieder soweit: Ich sitze am Schreibtisch und ringe um den ersten Satz. Mein Hirn bockt lethargisch wie ein Pubertand, der sein Zimmer aufräumen soll. Uns - also mein Verstand und den Teenager - eint die Tatsache, dass uns die Situation gewaltig stresst. Ja, ich weiß, der Jungmensch würde cool von "nerven" sprechen, was aber die selbe neurophysisch-psychische Reaktion auslöst, nämlich ein Abtauchen in dumpfe Sümpfe der Apathie. Ich meine diese Zustände, in denen man schaut wie ein Auto und eine leere Gedankenblase über dem Kopf schwebt. Mir ist kalt, ein bissel schwindelig und trübe im Gemüt. Es fällt mir schwer, die Buchstaben am Bildschirm zu fokussieren. Ich schleiche in die Küche, fühle mich sooo allein und bemerke, dass ich vergessen habe, was ich eigentlich dort wollte. Auf die Idee, noch einen Kaffee zu kochen, komme ich nicht, sondern starre nur blöde meine leere Tasse an.
Der Paketbote klingelt. Der Schrecken fährt mir durch die Glieder, reißt mich aus meinen zähen Gedanken. Herzklopfen! Ich springe auf, öffne die Tür, nehme das Päckle entgegen - Grrr! Wieder für die Nachbarin! - und ... koche mir eine zweite Portion Kaffee.
Unser Präerwachsener amöbt sich aus seinem Sitzsack und beginnt fluchend seine Stinkesocken einzusammeln, nachdem seine Aufseher das WLAN abgestellt haben und ihm das - Grrr! Ohne anzuklopfen! - mitgeteilt haben.
*** Pause ***
Ich puste in meinen heißen Kaffee - Trinken und Tippen gleichzeitig geht nicht - und denke an dich. Für DICH schreibe ich diesen Artikel schließlich, stelle mir vor, wie du neben mir auf dem Sofa sitzt und über meine Verspultheit schmunzelst. Vielleicht kann dir der Text sogar zu mehr nachsichtigem Selbstverständnis verhelfen? Dass du dich - vielleicht? - ein bissle weniger für deine unerklärlichen, eigenartigen Verhaltensweisen und Symptome schämst? Das malt mir ein Lächeln ins Gesicht. Entspannung und Wärme fließen vom Nacken den Rücken hinab. Der Nebel im Hirn löst sich peu à peu in Wohlgefallen auf, und ich habe wieder Zugriff auf meine Kreativitätsbox.
So ist es viel einfacher, dir von unserem autonomen (= vegetativen) Nervensystem zu erzählen, meinem momentanen Hobby ;) Besonders interessant finde ich, dass sich nicht nur unsere rein körperlichen Reaktionen und Empfindungen, sondern auch unsere Gefühlswelt, die Wahrnehmung und unser Denken verändern. Das geht soweit, dass wir eine reale Situation, abhängig von unserem vegetativen Modus, völlig verschieden erzählen.
Täglich reisen wir in unserem Vegetativ-Universum rauf und runter, abhängig von den Fragen: Ist alles sicher? Befinden wir uns in Gefahr? Oder sogar in Lebensgefahr? Dann fährt das vegetative Nervensystem uns ohne unser Zutun in einen - aus seiner Sicht - passenden Zustand. Das ist völlig normal.
Was aber wirklich verstören kann: Die Interpretation von Signalen aus der Umgebung, die Einschätzung des Gefahrenpotentials und die folgenden vegetativen Zustandsänderungen passieren unterhalb der Bewusstseinsschwelle. Das bedeutet, dass dein Körper schon reagiert, bevor dein Verstand überhaupt mitbekommt, was da los ist. Ist auch gut so, da unser Verstand in Gefahrensituationen zu langsam tickt. Das hat uns die Evolution netterweise so eingerichtet, sonst wären wir schon längst ausgestorben.
Unser autonomes Nervensystem tut alles, um uns zu beschützen. Es aktiviert uns, wenn Gefahr besteht. Ist diese vorüber, reguliert sich selber wieder ein - vorausgesetzt, wir stören es nicht all zu sehr dabei.
Es nutzt zur Wiederherstellung der Balance aber immer bestimmte Wege, eine bestimmte Hierarchie, die in der Polyvagal-Theorie fein beschrieben sind: Den Sympathikus mit "Kampf- oder Flucht"-Verhalten kennen wir ja schon. Der Vagus, also der parasympathische Anteil unseres autonomen Nervensystems, besteht nach neuerer Forschung aus zwei Anteilen, dem ventral-vagalen "Wohlfühlteil" und dem dorsal-vagalen "Erstarrungsteil" . (Stephen W. Porges)
Stellen wir uns eine Treppe vor, dann wäre ganz oben die ventral-vagale Stufe, in der Mitte der Sympathikus und ganz unten der dorsal-vagale Stiegenabschnitt, was ich weiter unten im Einzelnen beschreibe. Und auf dieser Hierarchietreppe lässt uns das Vegetativum situationsabhängig hinauf und hinunter gehen. Abkürzen geht nicht. Ganz wichtig: Ob und wann etwas als Gefahr gewertet wird, ist bei jedem Menschen anders. Wann wir in welche Richtung steigen, ist auch individuell.
Das ist der entwicklungsgeschichtlich älteste Anteil unseres vegetativen Nervensystems, den wir mit den Reptilien gemeinsam haben: Erstarren. Den Körper auf Standby schalten. Als ich begonnen habe, diesen Artikel zu schreiben, war ich quasi mit einem Fuß ein bisschen in diesem Bereich - Hauptsymptome Dumpfhirn, Passivität, wie bei unserem Sitzsack-Teenager.
Geraten wir wirklich in akute Lebensgefahr, fallen wir ganz hinein in diesen Modus: Dann schüttet unser Körper betäubende Stoffe (körpereigene "Opiate") aus, die schmerzstillend wirken und die Wahrnehmung soweit dämpfen, dass wir keine Angst haben. Das sind dann die Geschichten, in denen ein Verunfallter mit dem abgetrennten Fuß in der Hand, entspannt lächelnd die Sanitäter erwartet, oder ein Vergewaltigungsopfer sich nicht wehrt, sondern sich aus dem Körper beamt und an der Decke schwebend das Geschehen verfolgt.
Die Körperfunktionen werden heruntergefahren, Puls und Atmung werden extrem langsam. Da wir nicht wie Reptilien wechselwarm sind, kann uns das umbringen. (Gerade Frühgeborenen, deren autonomes Nervensystem noch nicht ganz ausgebildet ist, kann diese extrem niedrige Pulsrate und die Verringerung des Atemantriebs zum Verhängnis werden.)
Kurz: Wir werden "totgestellt", unsere Energie wird "eingefroren". Das uralte Erbe sagt: Raubtiere mögen keine Leichen essen. Die andere Chance: Täusche! Ist sich der Beutegreifer sicher, dass er dich hat, wird er vielleicht unaufmerksam! Dann kannst vielleicht doch noch abhauen?! Bleib wachsam! Wie die Maus, die der Katze entwischt...
Bietet sich eine Gelegenheit, der Situation zu entkommen, wird der vegetative Schalter blitzschnell umgelegt von "standby" auf "Kampf / Flucht". Die "eingefrorene" Energie wird genutzt, um dem Bedroher eines auf's Maul zu geben oder fortzulaufen. Deswegen muss der Weg zurück zum normalen Wohlgefühl (ventralvagal, siehe unten) immer zwingend über sympathische Aktivierung laufen. Das gilt auch für solch milde Ausprägungen wie am Anfang beschrieben. Darum kann der Jugendliche aus unserer Geschichte gar nicht anders, als sich irgendwie sympathisch zu aktivieren. Ein Weg ist, die natürlich aufkommende Aggression dieses Zustands zu nutzen, um in die Gänge zu kommen. Man kann sich auch von der Klingel erschrecken lassen ;) (Es gibt noch angenehmere Strategien, um uns auszubalancieren. Dazu mehr in einem der nächsten Artikel)
Aber auch in diesem vegetativen Modus wollen wir nicht auf Dauer verharren. Ist nicht so gesund für Leib und Seele.
Du siehst, es ist besser, keine weitreichenden Entscheidungen zu treffen, wenn dich der Sympathikus reitet. (Oder mit einem zornigen Pubertanden "vernünftig" zu reden.)
Dennoch: Der Sympathikus kann uns in gefährlichen Situationen vor Unheil bewahren. Und ein kürzeres Verweilen in diesem Zustand bringt uns nicht um. Bleiben wir auf Dauer dort wohnen, werden wir krank, lernresistent, ein bissel "asozial" und können Probleme nicht kreativ lösen.
Ist die Gefahr vorüber, wechseln wir dahin zurück, wo wir eigentlich daheim sind:
Im Gegensatz zu anderen Tieren, die sich kurz schütteln oder die angestaute Energie nach der Gefahr abzittern und dort weitermachen, wo sie aufgehört haben, haben wir Menschen noch einen dritten vegetativen Zustand. Dann wird ein entwicklungsgeschichtlich jüngerer Ast des Parasympathikus aktiv, der uns auf "soziale Verbundenheit" einstimmt.
Wir kommen ja recht unfertig auf die Welt, darum hängt unser Überleben davon ab, dass sich jemand um uns kümmert. Und unseren fellbekleideten Urahnen wäre es auch übel ergangen, wenn sie sich nicht zusammengetan hätten. Gemeinsam stark! Vielleicht haben darum die göttlichen Baumeister (oder wer auch immer) diesen vegetativen Modus mit einem solchen Glücksgefühl ausgestattet?
Der ventral-vagale Anteil versorgt (anatomisch) vor allem das Gesicht und das Herz und stellt das Sehen so ein, dass wir sehr viele Sicherheitssignale unseres Gegenübers empfangen und richtig interpretieren können. (Das funktioniert natürlich nur bei einem Kontaktwesen, das es wirklich gut mit dir meint. Kann auch dein Hund sein.) Die Frequenz menschlicher Stimmen hat Hör-Priorität. Erinnerst du dich, dass ich an dich denke, während ich diese Zeilen schreibe?
Deine Herzfrequenz und Blutdruck stellen sich in den Ruhemodus, dein Körper regeneriert und kann heilen. Empathie und Kreativität kommen nun gerne zurück. Und dir fallen Lösungsmöglichkeiten ein, die vorher nicht greifbar schienen. Verbunden mit sich und der Welt, wohlig geerdet. Ausruhen! Spielen! Das Leben ist schön!
Und zu guter Letzt: Du kannst lernen, dein Vegetativum so zu beeinflussen, dass es sich schneller wieder einregulieren mag. Echt! Das geht. Mehr dazu bald.
Herzliche Grüße
Manuela
]]>Heute geht es nicht um spezielle Zierausstattung ganz untenrum - den Tangoschuh (lies hier: https://www.tangofish.de/blog/das-maerchen-vom-tangoschuh/) - sondern um die sogenannten "richtigen" Schuhe, die du im Alltagsmodus am besten trägst und so deinen Füßen etwas Gutes tun kannst.
In jedem meiner Fuß-Kurse poppt die Frage nach den richtigen Schuhen auf. Auch meine fußproblematischen Patienten suchen häufig die eine, ultimative Antwort. Und dann muss ich sie enttäuschen: Es gibt sie nicht.
Die unzähligen Verlautbarungen der versammelten Experten zur optimalen füßischen Bekleidung widersprechen sich oft. Meiner Erfahrung nach muss man die pauschalen Aussagen einschränken mit "kommt ganz darauf an...": Wie ist dieser Individualfuß beieinander? Wie beweglich? Wie gut oder mäßig trainiert? Wie sieht's mit dem Fußgefühl aus? Hat dieser Fuß schon Probleme? Oder hat er sich schon verformt? Welche Möglichkeiten der Verbesserung hat genau dieser Mensch vor mir? (Eine 87-jährigen Halluxpatientin wirst du kaum vom Segen des Barfußschuhs überzeugen können. Weil sie sich vielleicht nicht mal so weit bücken kann, um die Schuhbändel zu binden.)
Was denn nun? Minimalschuhe? Oder brauchen Füße Unterstützung - ein orthopädisch wertvolles Fußbett und Knöchelstütze? Oder ganz ohne? Barfuß ist gesund! Aber nackige Latschen im Büro gehen halt gar nicht. Und was ist mit Zecken?
Aber beginnen wir lieber am Anfang, bei der Anatomie unserer Füße:
Dort haben die göttlichen Baumeister pro Seite 26 Knochen verbaut. Diese sind an 33 Stellen gelenkig verbunden. Muskeln, Minimuskeln, Faszien, Sehnen (ca. 100 Stück!) und sonstiges Bindegewebe sorgen dafür, dass die harten Bauteile ordentlich beisammen bleiben und sich trotzdem gegeneinander bewegen können. Für die Steuerung sind Nerven zuständig, die teilweise direkt im Fuß wohnen. Andere vermitteln ihre Befehle aus dem motorischen Zentrum deines Gehirns: Anweisungen, die aus den Fuß-Rezeptor-Informationen resultieren - über deine Körperhaltung sowie deine Gesamtbewegung im Raum.
Da haben die Konstrukteure ein echtes Meisterwerk hingelegt! Vorausgesetzt, alle Beteiligten dürfen und können effektiv koordiniert zusammenarbeiten: himmlischer Optimalzustand!
Nutzen sich unsere so fein konstruierten Hinterpfoten im Laufe des Lebens ab? Bedeutet aufrechter Gang ständige Überlastung? Oder hätten wir keine Schwierigkeiten, wenn wir von Anfang an auf Schuhe verzichten würden, unsere Füße wildnatürlich agieren dürften? In unseren Breitengraden sind wir allerdings fast gezwungen, unsere Pfoten vor Kälte, Nässe oder spitzen Steinen, Glasscherben, Straßendreck und ähnlichem Zeugs zu schützen.
Drum verpackeln wir sie spätestens dann, wenn der kleine Besitzer beginnt, aufrecht zweibeinig die Welt zu erkunden. Das Stöpselchen bekommt seine ersten Lauflernschuhe. Ein Lieblingssatz von Kinderschuhverkäuferinnen lautet: "Jetzt brauchen die Füßlein eine gute Stütze." (Warum die dann nicht von Natur aus eingebaut ist, habe ich, als meine Kinder klein waren, nie zu fragen gewagt.) Das Gangbild der beschuhten Gehbeginner kommt allerdings anfangs eher zombieartig daher. Die Hinfall-Frequenz steigt, bis das Kind die Fremdkörperklötze dann erfolgreich in sein Körperbild integriert hat.
In den folgenden Jahren und Jahrzehnten bleibt der Schuh dann für lange Stunden am Fuß. Und der reagiert meistens in etwa so: Durch die ständige Stütze werden viele kleine Gelenke im Fuß kaum oder gar nicht mehr bewegt. Und was nicht bewegt wird, legen die Steuerleute im motorischen Zentrum einfach still. Die "Schmierung" der kleinen, feinen Gelenke und Sehnenscheiden nimmt dann ab. Faszien und Bänder versteifen oder verpappen. Und die Muskelbrüder groß und klein beginnen - mangels Trainings - zu schwächeln. Ein Fußbett oder Einlagen wirken auf Dauer in derselben Weise.
Der andere Effekt der vermeintlichen "Stützhilfe" wirkt auf das ganze Gestell, es muss sich irgendwie der veränderten Statik anpassen. So entstehen kompensierende Spannungsmuster in Muskelketten - via Beine und Becken, am Rumpf entlang bis hinauf zum Kopf.
Die Dauer-Dämpfung durch sehr weiche Innensohlen nimmt der Kompanie, die eigentlich dafür zuständig wäre, die Arbeit aus der Hand: Die Fußgelenke, Sprunggelenke, Knie, Becken, Wirbelsäule und eine ganze Reihe Faszien und Muskelzüge übernehmen normalerweise gemeinsam die mildernde Verteilung des Aufprallschocks beim Springen, Laufen, Tanzen, Hüpfen. Das würde quasi nebenbei global durchmobilisieren. Die Dämpfung schwächt diesen feinen Effekt ab. Die Rezeptoren in den Fußsohlen werden dadurch in ihrer Funktion enorm eingeschränkt. Sie können nur noch rudimentäre Hinweise über die Beschaffenheit des Bodens (und wie du gerade stehst etc.) weitergeben. Das ist für dein Bewegungszentrum so, hättest du ständig Lärmschutz-Micky-Mäuse auf den Ohren.
Der Absatz oder Fersenkeil tut so, als ob du auf einer schiefen Ebene stehen würdest. Dass der Rest deines Gestells - alarmiert vom Nervensystem - alles Mögliche anstellt, damit du nicht umfällst, ist logisch. Dann springen Muskelketten an, die nicht für Dauernutzung angelegt sind. Ihr Job ist gelegentliches Kompensieren. Wenn es sein muss! Nicht dauernd.
Zudem verkürzen sich gerne die Strukturen an deiner Körperrückseite von der Ferse bis zum Scheitel. Aber da wir uns selten im Stand, mit durchgedrückten Knien, die Zehennägel lackieren, bemerken wir die hintere Bremse eher selten. Dafür melden sich oft Wadeln und zugehörige Achillessehnen mit Schmerzen.
Bei hohen Absätzen versuchen die Mittelfußknochen dem Druck auszuweichen, indem sie sich auffächern. Ihrer zugedachten Arbeit "dämpfendes Fußquergewölbe bilden" können sie so nicht mehr nachkommen. (Merke: Montiere deinen Absatz vorne, dann meinst, es ginge immer bergauf.)
In engen Schuhspitzen haben deine Zehen überhaupt keine Chance, sich zu spreizen. Was äußerst günstig wäre für die Balance. Ganz abgesehen davon drückt's.
Den federnden Effekt produzieren unsere Füße via Quer- und Längsgewölbe. Das setzt aber Dynamik voraus. Stopfst du einen spiralbefederten Schachtelteufel in seinen Kasten und nagelst den Deckel fest, steckt unser Jack-in-the-box im Koma, statt fröhlich zu hüpfen und zu wippen. Unflexible Lederkästen (oder Ledersärge) machen das Gleiche mit unseren Füßen.
Im Endstadium schuhzivilisierter Füße finden wir mangels Training verkümmerte füßische Muskelgesellen. Die Fußgewölbe beginnen zu kollabieren. Vielleicht haben sich die Zehen verbogen, im Versuch, sich ihrer Umhüllung anzupassen. Durch den eingeschränkten Bodenkontakt haben sich wahrscheinlich auch das Gangbild und die Haltung verändert.
Aber jetzt Schluss mit den Gruselgeschichten!
Es ist halt so, wie es ist: Jeder von uns ist schuhdomestiziert! Wildnatürliche Füße kommen in unserem Kulturkreis selten vor. Und sie von jetzt auf gleich komplett auszuwildern - also immer barfußlaufen - ist kaum möglich.
Da geht es unseren Füßen wie einer Hauskatze: Gewöhnt an portionsweise eingetütelte, konfektionierte Schlachtabfälle mit Sauce und geheizte Stellfläche für Katzenklo und - Körbchen, würden sie da draußen Hunger leiden, erfrieren, sich mangels Orientierungsroutine verlaufen oder - weil unfit - im Kampf mit tierischen Feinden unterliegen. Auf jeden Fall nicht lange überleben.
Aber deinen Füßen zu helfen, ihrer biomechanischen Bestimmung zu folgen, stärker und geschmeidiger zu werden, geht durchaus mit den richtigen Schuhen.
Und Stütze, Einlagen, Dämpfung, Fersenkeil, Absatz? Versuche, diese Einflüsse mit der Zeit zu reduzieren, langsam und schrittweise.
Stärke deine Füße und halte sie geschmeidig, langsam und schrittweise. Sei geduldig mit deinen Füßen. Übungen und Anregungen dazu findest du hier auf meinem Blog:
https://www.tangofish.de/blog/diy-fussmassage-ball/ oder hier https://www.tangofish.de/blog/fussmassage-einen-tango-lang-die-fuesse-verwoehnen/
Es kann durchaus sein, dass deine Füße im Moment zum Beispiel Dämpfung brauchen, um zu heilen. Dann gib sie ihnen. Aber nicht für immer. Schleiche die Hilfsmittel nach der akuten Phase langsam aus.
Musst du besondere, im obigen Sinne ungünstigen Arbeitsschuhe tragen? Nimm für die Mittagspause Bequemschlapfen zur Fußentspannung mit. Oder lüfte deine Füße barfuß. Am Feierabend kannst du ja die Stiefel oder Gummiclogs im Spind lassen.
Keine Sorge: Zusätzlich zu den genannten Merkmalen werden dir deine Füße sagen, welcher Schuh einfach gut ist - dafür sind sie hervorragende Experten:
Wenn nix drückt und beim Laufen nix wehtut, ist dieser Schuh im Moment der richtige.
Sei nett zu deinen Füßen, sie haben es verdient.
Herzliche Grüße
]]>Es war einmal ein Prinz, für den seine königlichen Eltern zwecks Zuführung einer geeigneten Ehekandidatin einen rauschenden Ball ausrichten ließen. Aus dem ganzen Lande strömten die Bewerberinnen daher und - natürlich! - versuchten sie, den jungen Mann schwer zu beeindrucken: Herausgeputzt mit güldenem Tand schwebten sie durch den Saal, soweit es die geschnürten Mieder erlaubten. Die Luft im Saal war gestopft voll mit zuckersüßen Lächeleien Richtung Prinz. Der saß gelangweilt am Rande der Piste und hatte schon ganz trockene Augäpfel, weil er sich jegliches Blinzeln streng versagte.
Bis eine tanzende Maid in sein Blickfeld geriet, die in ihren allerliebsten Tanzschühchen sein Interesse weckte. Diese - und zwar nur diese! - wollte er haben! Die alte Turmuhr schlug schon Mitternacht, als er sich endlich durch die Massen von lüsternen Weibern in ihre Nähe vorgearbeitet hatte. Blöderweise sah er sie auf ihrem Rückzug nur noch von hinten, die Treppe hinabeilend. Dabei stolperte sie und verlor einen ihrer gläsernen Schuhe.
Er schaltete Suchanzeigen auf Facebook und Insta (sie war ja weit jünger als er), recherchierte sich einen Wolf, besuchte jede noch so kleine Milonga im Königreich seines Papas, wo er den Gästinnen den Tangoschuh seines Begehrs präsentierte.
Alle diese Damen und Nichtdamen wollten so gerne das zarte Schühlein aus Glas anprobieren. Aber keine schaffte es, ihren Fuß hineinzuquetschen. Schmerzverzerrte Gesichter, Tränen der Enttäuschung und verhaltene Flüche bei Prinz und Weibesvolk.
Schließlich besuchte er auf Anraten seiner werten Mama die alte Tante Google. Er war ja so unglücklich, das nervte schon ein wenig. Die Königin wollte den prinzlichen Buben endlich verheiratet wissen, um sich guten Gewissens zur lange geplanten Pensionsbelohnungskreuzfahrt verabschieden zu können.
Die wunderliche Tante Google spuckte tatsächlich eine Adresse aus - genau genommen den Adresszettel in ihren Tee - an der er seine Präprinzessin finden könne. Er fischte mit spitzen Fingern die Notiz aus der Tasse, strich sie auf dem Tischtuch glatt und war froh, dass die Tante mit wasserfestem Filzstift arbeitete. Dann sattelte er seinen Schimmel, die Adresse im kleinen Prinzenhirn memoriert, und ritt flugs ans Ziel.
Dort packte er die erstbeste, deren Fuß in den Schuh gestopft werden konnte, schnallte sie auf den Gepäckträger und ritt von dannen. Wären da nur nicht die Spielverderbertauben gewesen, die ihr Liedlein vom "Blut im Schuh" gesungen hatten. Blödes Volk, Viecher sollten nicht sprechen können! Die Wahrheit schon gar nicht! Dass sich die entsprechende Dame im Vorfeld einen Zeh abgehackt hatte, wollte er doch gar nicht wissen. Sie kam ihm vage bekannt vor: wahrscheinlich vom Ball auf Papas Schloss.
Aber da hilft nix. Er musste zurück: die Falsche retournieren, die Echte - die mit der korrekten Zehenzahl (5?) - finden, einpackeln und heiraten. Das ist so im Märchen. Auch ein Prinz muss sich ans Drehbuch halten.
Das gesamte Anwesen wurde einer gründlichen Durchsuchung unterzogen und siehe da: Die lumpige Maid in der Küche war Glas-Schuh-kompatibel. Der Prinz ließ sie ein paar Schritte tanzen - links beschuht, rechts barfuß. Kein Zweifel! Keine bockige Widerrede! Kein Stolpern! Nur zuckersüße Anmut! Wie fein duften die gebratenen Täubchen!
Also Auslöse zahlen (gering, Portokasse), verschnüren, mitnehmen und und per Ehevertrag die Besitzansprüche festklopfen. Mama und Papa König werden sich freuen!
Tadaa! Alle glücklich?! Und wenn sie nicht gestorben sind... Du weißt schon.
*** ENDE (mit Schnörkel) ***
Ob es wirklich glücklich macht, sich einfach so von einem großkopfeten (so sagt man in Augschburg), hirnsimplen, schuhfetischistischen Bürschlein abgreifen zu lassen, will ich hier nicht diskutieren. Mir stellt sich eher die Frage nach den Lehren, die in der Glasschuh-Schachtel stecken:
1. Warum quälen sich manche Frauen mit höllischen Schmerzen und tanzen bestenfalls medioker in Schuhen, die ihr Tanzen einschränken?
Der Tangoschuh "por las mujeres" ist vor allem eins: hochhackig. Dadurch rutscht die Belastung in den vorderen Fußbereich. Das Quergewölbe plättet sich. Drum weichen die Mittelfußknochen an den Zehengrundgelenken auseinander wie ein Fächer - am liebsten zwischen Zeigezeh und dem Großen.
Die Sehne, die den großen Zeh nach oben ziehen soll, weiß sich nicht zu helfen. Was soll sie denn dagegen tun, dass der erste Mittelfußknochen, der zum großen Zeh gehört, jetzt nicht mehr direkt unter ihr läuft? Der verdrückt sich einfach in die einzig mögliche Richtung, fort von den anderen zur Fußinnenkante. Der Fußdaumen will kompensieren, neigt sich mit seinem Köpflein in die Gegenrichtung und kuschelt mit den anderen Zehenbrüdern. So einfach wird man als Sehne zur Bogensehne! Mittelfußknochen eins mit Großzehe bilden den Bogen. Pfeile abschießen ist nicht: Am Fuß heißt das (irgendwann) Hallux valgus und tut weh. Wirklich hübsch kommt der im Schuh bald drückende Groß-Knubbel auch nicht daher.
(siehe Artikel https://www.tangofish.de/blog/wir-basteln-einen-hallux-valgus/)
Den restlichen Zehenbrüdern bleibt eh nix anderes übrig als sich aneinander zu quetschen - ihr Bett in der Spitze des Schuhs ist ganz schön eng. Recken und strecken? Sich spreizen und guten Halt nach oben ins restliche Gestell vermitteln? Wie soll das gehen, wenn nur ein winziges bisschen Luft durch das Fensterlein an der Schuhspitze an die Toes peept?
2. Aber Tango tanzt "frau" doch in hohen Schuhen, oder? Das muss?! Wenn das nicht geht, dann musst du mit dem Tango aufhören?
Vor einiger Zeit hat mich eine Milongabesucherin angesprochen, wo man denn Tangoschuhe wie die meinen herbekäme? Vielleicht hat sie mein Getanze überzeugt? Genau solche bräuchte sie unbedingt auch! Wir blicken beide zu meinen Füßen: Jazzschuhe, schläppchenartig - flach, weich, höllebequem mit geteilter Sohle. Sie war enttäuscht und ungläubig, als ich meine Schuhe als artfremd geoutet hatte.
Die Dame war zum Zuschauen da. Nach einem Jahr Tango - selbstredend hochhackig - und proportional wachsendem Fußschmerz habe der Orthopäde ihr den Tango streng verboten.
Dabei tanze ich erst seit einigen Jahren flach und weich. Ich bin lange Zeit gar nicht auf die Idee gekommen, die Verbindung "hohe Schuhe und Tango" anzuzweifeln! Hab mich jahrelang gewundert, dass ich um's Verrecken Balance und Technik nicht weiter verbessern konnte. Bis ich mal einen ganzen Abend in Socken getanzt habe, die Tangohochhacken lagen vergessen daheim. Der Tanzdruck war halt stärker als das Bedürfnis nach dem "schöne, stolze Tanguera-Gefühl". Hat sich gelohnt, auch wenn die Socken nach dem Abend durch waren.
Einfach war das erstmal nicht, ich war gezwungen, die Schritte ganz sauber zu setzen. Und tauschte den fehlenden Absatz einfach mit einem vorgestellten: rauf auf die Ballen, in der Höhe anpassbar an die Größe des jeweiligen Tanzpartners.
Wieder brauchte ich einige Zeit bis zur Erkenntnis, dass das auch nicht unbedingt sein muss. Zwischendurch sanft runter auf den ganzen Fuß und die Pfoten entspannen darf schon sein. Aber ein gutes Training war die Hoch-Ballenzeit trotzdem.
3. Warum können manche Frauen so elegant-vortrefflich in Schuhen tanzen, die einem Foltergerät alle Ehre machen würden?
Zugegeben - High Heels zeichnen eine wunderschöne, elegante Beinlinie. Meistens im Sitzen oder Stehen. In einigen Fällen beim Gehen oder minimalistischer, geschlossen umarmender Stehtangomanier. Selten beim Tangotanzen. Das sind aber meistens die Tangueras, die auch in Gummistiefeln wunderschön tanzen könnten, wenn sie sollten oder wollten. Lieber ist ihnen allerdings oft, ihren Tango ein bissele zu dekorieren ;) Und ich schreibe hier von ganz normalen Frauen, die einfach gerne und schon lange tanzen. Nicht von Balletteusen, die auf der Bühne äußerst routiniert die Fuß-Blut-Schmerzen unter Lächelschminke verstecken.
Folgt der Betrachter einer sexy Beinlinie nach oben und trifft auf ein verkniffenes Gesicht, schränkt das den Erotikfaktor erheblich ein. Der Zauber entsteht durch entspannt-lässige Eleganz - katzenhaft halt. Und hast du schon mal eine Katze mit Absätzen gesehen?
Ich bin fest davon überzeugt, dass gut trainierte, geschmeidige Füße den klassischen Glitzi-Glänzi-Peeptoe zumindest zeitweise tolerieren und vor allem händeln bzw. füßeln können! Wenn dir die Füße nicht wehtun, wenn du gut klarkommst: rein in die Hülle des Begehrs und ab auf die Piste! (Dann brauchst du auch keinen Kurs "Gehen in hohen Schuhen".)
Falls nicht, wage ich zu fragen:
Herrschaft! Wir haben es doch auch geschafft, bequemere Vorrichtungen zur Linderung der Schwerkraftwirkung bezüglich unserer sekundären weiblichen Geschlechtsmerkmale einzuführen! Ein bügelfreier BH aus Microfaser ist halt mal bequemer als das Schnürkorsett!
In der Arbeitsbeschreibung Tangoschuh steht lediglich:
Mehr nicht.
Deine Füße möchten ein Leben lang halten. Sei nett zu ihnen. Neue kaufen ist nicht. Der Tangoschuh dagegen ist nur ein nettes Werkzeug. Ersetzbar.
Ob in Vergrößerungsklötzen wie Vio Tangoforge, in Highheels oder barfußähnlich (Link zu Facebook): Die Tango-Ausführende bist du!
Und da nicht mal wir komplett Tangoverrückten die ganze Zeit nur tanzend durch's Leben schweben, ist es außerordentlich lohnend, dem schnöden Alltagsschuhwerk einen eigenen Artikel zu widmen: https://www.tangofish.de/blog/die-richtigen-schuhe/
Viel Vergnügen! Mit lieben Grüß' an deine Füß'!
(Dieser Artikel erschien auch am 27.5.23 im Heilnetz: https://www.heilnetz.de/news/rugediguh.html)
]]>Die Füße fühlen sich an wie Betonklötze, verspannt und unsensibel wie bei einer Marionette der Augsburger Puppenkiste. Dem Rest des Gestells fehlen die feinen, füßischen Informationen über Stand und Untergrund, was es schwierig macht, die Gesamtstatik physiologisch anzupassen. Dann setzen sich gern die Verspannungen nach oben fort: Hüften, Wirbelsäule - vielleicht sogar bis in den Nacken? Der Stimmung ist so ein Zustand auch nicht gerade zuträglich.
Lockere, geschmeidig antwortende Füße können meiner Erfahrung nach ein Baustein sein, um Schmerzen vorzubeugen und manchmal sogar zu lindern - mit Wirkung auf Leib und Seele.
Eine Fußmassage kann wunderbar das Vegetativum beruhigen - dein eigenes und/oder das des Menschen, dem du helfen möchtest. Diese Art der nonverbalen, niedrigschwelligen Kontaktaufnahme funktioniert auch - bzw. gerade - bei Dementen oder Wachkomapatienten.
Für einen leicht erlernbaren Einsatz habe ich 2015 die "mobilisierende Fußmassage" entwickelt und seitdem unzählige Male eingesetzt und unterrichtet. Mit dieser Methode massierst du nicht nur die Muskeln plus Faszien, sondern mobilisierst (daher der Name) die vielen kleinen Gelenke im Fuß und aktivierst quasi nebenbei bestimmte Akupunkturpunkte und Meridiane, was das Wohlgefühl wohlig verstärkt. Zuwendung und Berührungen regen das autonome Nervensystem (Vegetativum) dazu an, sich Richtung "in Sicherheit wohlfühlen" auszurichten, was einen entspannt-zufriedenen Gesamtzustand heranlockt.
Sie dauert ungefähr einen Tango lang pro Seite, wobei Musik nicht zwingend erforderlich ist, aber einen guten Zeitrahmen bietet. (Natürlich steht es Non-Tangoistas frei, andere Sparten zu wählen. Uhr geht auch, oder du lässt dir zeitlos soviel Zeit, wie du meinst.)
Vor dem Tangotanzen kannst du so deine Füße aufwärmen und anschließend leicht-geschmeidig tanzen. Auch deine Balance und Achse - z.B. bei Drehungen - verbessern sich dann zwangsläufig.
Für Pflegende (beruflich/Angehörige) und Therapeuten: Auch dein Patient wird schnurren, wenn du ihm/ihr die Füße durchbewegst. Neben der positiven Wirkung auf die Stimmung wird er/sie stabiler stehen, z.B. beim Transfer, und dir so die Arbeit erleichtern. Die mobilisierende Fußmassage ist ein feines Werkzeug zur Spitzfuß- und Sturzprophylaxe, gut kombinierbar mit pflegerischen Maßnahmen - und ein ausgezeichnetes Bonbon als Abschluss deiner Behandlung.
Natürlich darfst du die Fußmassage auch für dich selbst nutzen: zum Beispiel, um nach einem anstrengenden Tag Spannungen abzubauen und "runterzufahren". Vielleicht mag ja ein lieber Mensch in deinem Umfeld die Massage lernen, um dich zu verwöhnen?
Die mobilisierende Fußmassage dauert nicht lange, nämlich genau einen Tango lang, wohlig untermalt von meinen Lieblings-Tango-Musikerinnen des Duo Tango Varieté.
Bewege die Füße sanft und achtsam. Sie werden es dir danken.
Mit lieben Grüß': mein Geschenk an deine Füß'!
Herzlichst, Manuela
Eine ausführliche Anleitung und viele Hintergrundinformationen zum Thema Füße findest du in meinem Buch "Das Konzept Fuß: Fußprobleme verstehen, bearbeiten und lösen (ein unideologisches Buch für normale Fußbenutzer)".
„Eine Methode ist ein Werkzeug. Ein Hammer zum Beipiel. Damit kannst du jemandem den Schädel einschlagen oder deiner Familie ein Blockhaus bauen.“
Aber vielleicht brauchst du gar kein Haus, weil du schon eines hast? Und ein Zimmermannshammer eh schon in deiner Werkzeugkiste liegt? Der taugt zum groben Klopfen: Nagel in die Wand! Du willst aber kein weiteres Bild an die Wand hängen. Ist schon schön so, wie es ist. Oder du kassierst einen blauen Daumen, wenn du versuchen würdest, das Ringlein an deiner Halskette wieder so hinzuklopfen, dass der Anhänger nimmer verloren geht.
Das Bummerl aus der Nachbarschaft, dieser massige Muskelprotz vom Bau, der ein Klavier mit einem Finger tragen kann? Wo der hinhaut, wächst gewiss kein Gras mehr. Ein beherzter Hammerschlag, und die Wand fällt um. Wahrscheinlich müsste er ihr nur sein Werkzeug zeigen. Dann würde die Wand seufzen „Ja doch, ist ja schon gut!“, ein wenig Baustaub aushauchen und freiwillig in sich zusammensinken.
Würde ich dasselbe versuchen, hätte ich vielleicht auch Erfolg. Aber nur, weil die Mauer angesichts meines präsentierten Zerstörungswerkzeugs plus entschlossener Miene und Wucht von nicht mal 50 Kilo vor Lachen - auch Baustaub ausprustend - einfach so zusammenbräche.
Das gleiche Werkzeug, das gleiche Ergebnis, aber ganz verschiedene Prozesse, die da ablaufen. Erstaunlich! Was wohl für die Wand angenehmer war? Schade, dass wir sie nicht mehr fragen können. Aber in (m)einem Fall hat sie zumindest gelacht. Was ich mir erlaube, als Zusatzerfolg zu verbuchen.
Um das winzige Ringlein am Lieblingsschmuck zu reparieren, benutze ich lieber den „Mädchenhammer“. Ein ganz kleines, leichtes Hämmerchen mit elegantem, dunklen Holzgriff, sauber glänzend poliertem Kopf, der mit seiner Spitze zielgerichtet das Mikroziel treffen kann – so man es geschickt anstellt. Haut man doch einmal daneben, ist der Effekt nicht ärger, als wenn ein Mistkäfer mit Anlauf auf den Finger hüpfen würde.
Manchmal verlangt die Situation aber eher einen Vorschlaghammer, zum Beispiel, wenn man Zeltheringe in betonartigem Boden versenken oder ein Vorhängeschloss, dessen Schlüssel verlustig ging, öffnen möchte. Dann musst du Hebel, Schwungkraft und Ziel ganz genau einschätzen. Sonst geht’s daneben und wahrscheinlich schmerzhaft schief. Triffst du zielgenau, und das schaffe sogar ich, halten die Heringe dein Zelt sturmsicher oder der Schlossbügel gibt nach und du kannst deinen Spind wieder öffnen. (Das mit dem Vorhängeschloss lernt man bei erfahrenen Hausmeistern, sehr empfehlenswert für Schlüsselverschussler.)
Als mein Sohn mit etwa zwei Jahren dem „Bob der Baumeister-Syndrom“ erlag, bastelte ich ihm aus einem mit Pappe überzogenen Styroporblock eine altersadäquate Hineinhämmermöglichkeit, um unsere Möbel zu schonen. Dort könnte er nach Herzenlust riesige Zimmermannsnägel mit seinem Mini-Holzhämmerchen versenken. Meine damalige Schwiegermutter sah zwar eine große Gefahr darin, einem so jungen Menschlein echte, spitze Nägel zu überlassen. Aber Sohnemann hatte strenge Anweisung, nur unter Aufsicht zu arbeiten. Die Spitzen habe ich stumpf gefeilt. Nachdem er das Ursache-Wirkung-Prinzip verstanden hatte, achtete er peinlich genau darauf, nur auf die Nägel statt auf die eigenen Finger zu klopfen.
Ihm ging es ausschließlich ums Hämmern. Das war der alleinige Zweck seiner Mission. Alle Nägel hineinklopfen. Wieder rausziehen. Da capo. (Als er ein paar Wochen später begann, seine erworbenen Künste an unseren Wänden zu testen, eröffnete ich ihm ein neues Universum: Schrauben! Heute lernt er Elektriker, darf kilometerweise Kabelschlitze klopfen. Das kann er, und ich bin nicht schadenfroh.)
Bei vielen Methoden, die als die neue, superspektakuläre Hammermethode, als "der!neue!heiße!Scheiß!" gehypt werden, habe ich den Verdacht, da geht es lediglich ums Klopfen an sich, reiner Selbstzweck, wie bei meinem Sohn früher. Egal, in welche Branche man schaut: zum Beispiel Schul- und Alternativmedizin, Bildungswesen, Ernährung, digitales Marketing, Tango...
Da könnte man sich viele Dinge ausdenken, die sich prima verkaufen lassen. (Vielleicht sollt ich den überzogenen Styroporklotz doch patentieren lassen, in Serie produzieren und via Onlineshop verticken? Unbedingt überzogen mit Stoff oder Pappe, sonst bröselt's. Oder doch lieber nachhaltig und möglichst CO2-neutral aus regional angebautem Kork oder getrockneten Kuhmistpresslingen? Kompostierbar?) Wenn es wirklich nur darum geht, Eltern eine Verschnaufpause zu gönnen, finde ich ein Beschäftigungsangebot durchaus legitim.
Ist man total busy mit der neuen, super, Hammermethode, die alle grade machen, könnts passieren, dass man vergisst, was sie bezwecken sollte: ein spezielles Problem lösen. Würde man sich nicht mit der Allround-Wunder-Methode beschäftigen – also selbige kaufen und sich mit dem neuen Spielzeug ablenken – könnt man ja vielleicht sogar selber drauf kommen, was hilft. Fatal fürs Geschäft.
Findest du in deiner Kiste nix Verwendbares oder kannst du Vorhandenes nicht bedienen oder bist du einfach zu „ungeduldig“ – siehe Mädchenhammer – suche einen Handwerker mit passendem Werkzeug und Können. Aber Obacht! Der soll dein Problem lösen! Nicht nur bezahlterweise seine Methode klopfen.
Ganz ehrlich, manchmal könnt ich im Schwall speien (pardon für meine Ausdrucksweise), wenn mir eine Methode als die allein seligmachende angepriesen wird. Es kommt doch immer darauf an, wer selbige wie, wann und vor allem mit welchem Können ausführt! Verschiedenste Hämmer, verschiedenste Menschen, verschiedenste Ergebnisse im Zusammenspiel Mensch/Hammer – wenn „verschieden“ steigerungsfähig wäre.
Ein Hammer allein hängt kein Bild auf oder schlägt jemandem den Schädel ein. Ein Hammer allein wird bei Dieter Bohlen keinen Blumenstrauss gewinnen. Ein hammer-artistischer-Bühnenkünstler vielleicht schon eher.
Und wenn wir schon einmal dabei sind: Warum versuchen so viele, eine Schraube mit einem Hammer in ihr Gewinde zu klopfen? Hör in diesem Fall nicht auf den Hammerverkäufer! (Weißt ja eh: „Wer nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.“) Das kann nicht klappen! Schau lieber, ob der Ikea-Inbus, ein Schlitz- oder Kreuzschraubi, ein Schraubenschlüssel passt. Oder du nimmst eine Zange.
Vielleicht hält die Verbindung der zu schraubenden Teilstücke provisorisch auch mit Leukoplast, Gaffatape, Strick, Pattex, Kaugummi ... Müssen die Teile überhaupt zusammengefügt werden?
Aber was weiß ich denn schon? Dein Hammer-Problem kennst du besser.
Und nicht vergessen: Beim Steineklopfen Schutzbrille auf! Das gilt auch, wenn man mit einem feinen Fragehämmerle Methoden abklopft.
]]>„Wenn man die vordere Fußhälfte belastet und aufrecht steht, gibt es selbst bei sehr schlanken Menschen immer einen Körperteil, der weiter vorne ist als die Fußspitze.“ (Die Münchner DJane und Tangoexpertin Theresa Faus auf Facebook zum Thema „enge Umarmung im Tango“)
Meine Nase bremst Millimeter vor einem fulminanten Dekolleté, welches sich allerdings - bedeckt mit zartem Leinenstöfflein nebst künstlichen Steckröschen - zu kaschieren versucht. Eigentlich wollte ich noch geschwind den Müll zur Tonne bringen, bevor es ganz dunkel wird, und mich einem faulen Fernsehabend (Tatort!) hingeben. Auf dem Sofa. In Daheimrum-Gewand. Mit Kirschkernsäckle. Und Chips.
"Lieb, dass du mir gleich aufmachst!", flötet das bedirndelte PRACHTWEIB auf meinem Fußabstreifer, schiebt mich beiseite und stöckelt an mir vorbei Richtung Schlafzimmer. Der Müllbeutel pflatscht auf die Fliesen.
"Ich hab nämlich keinen Spiegel daheim, in dem ich mich GANZ anschauen kann."
„Ja, is denn heit scho Softporno?“ (Zitat des Pörnbacher DJ und Nicht-Tangoexperte Gerhard Riedl auf obiges Zitat)
verkneife ich mir tapfer angesichts der Absätze, die so lang sind wie mein Unterarm. Echt waffenscheinpflichtig. Da stolpert die Dame über meine Pantoffeln und setzt einen Guss Flüche in heiserem Bariton ab, die mir bekannt vorkommen.
"Pablo? Pablo!" Aha! Mein alter Freund und Seelenbruder.
"Kannst du mir bitte den Reißverschluss hinten ganz hochziehen? Da komm ich nicht hin..." Ich sag jetzt lieber nix und tu' wie mir geheißen.
"Fesch, gell?" Sein Selfie-Gesicht grinst mir aus dem Spiegel entgegen, während er verschiedene posing-positions ausprobiert, garantiert von einem Youtube "Mode und Lifestyle"-Kanal (Zielgruppe: Pubertinistinnen) abgekupfert.
"Meinst, das geht so mit den Wimpern?" Sehr lang, schwül-dicht-schwarz, künstlich wie die Sau. Aber - zugegegben - fachmännisch geklebt. Da kann meine Wimpernzange nicht mithalten.
"Ob man meine Augen noch siehiet?! Weißt, wegen Mirada?!" [Übersetzung für Non-Tangoistas: Als Frau guckst du den Mann deines Tanzbegehrs so lange und total intensiv an, bis er nimmer kann und dich auffordert. Oder als Hirsch die Hirschin. Oder so.]

Ich nicke cabeceo-like. [Cabeceo: Wenn du Glück hast, bekommst du ein kleines, distinguiertes Nicken des Blickgetroffenen geschickt - quasi der Ok-Button zum gemeinsamen Tanz. Da kannst du dir als Frau - wenn du eben kein Glück hast - den A... plattsitzen. Oder mit gesprochener Sprache auffordern. Das gilt aber mancherorts als "sexueller Übergriff", also Obacht! Ist frau ganz selbstherrlich, lernt sie führen und lenkt ihre Geschicke selber.]
Pablo atmet Nebelwölkchen auf sein Spiegelbild, duftend nach Erdbeer-Kaugummi. Er wirkt beruhigt. "Und was soll das jetzt werden?"
"Dirndl-Milonga!" Falsett, geblümelt. Pirouette. Kleid: ROSA. Aus dem Fernseher schallt die Tatort-Titelmelodie. Mist! Pablo pappt seinen Kaugummi an meinen Bettpfosten.
Seit seiner Urlaubsaktion - ein Ferien-Achtsamkeitseminar, diesmal in Starnberg - habe ich ihn nicht mehr getroffen. Es ging um "Wurzeln mit Flügeln authentisch genderliberal verbinden" und verschiedene Persönlichkeitsanteile. Man solle, um ein großartiges Erfolgs-Mindset zu entwickeln, innere Kinder und sonstige unbewusst Inne(n)wohnende versöhnen und integrieren. (Oder inkludieren. Den Unterschied habe er nicht so genau verstanden.)
Da wäre es doch geschickt, "Wurzeln" sowie seine intern-unbewussten Frauenzimmer gleichzeitig zu bearbeiten. Tatort: Dirndl-Milonga! Außerdem passt er nicht mehr hinein in seine Lederhose. (Und ob ich wisse, wie eine Lederhose nach etlichen Oktoberfestbesuchen riecht?) Bingo! Seine Augen leuchten hochmotiviert, und er greift sich eine Handvoll Chips aus meiner Tüte. Pablo hat große Hände.
"Ich dachte, deine 'Wurzeln' wohnen in Hettenbach?"
"Auch die Augsburger Vorstadt ist Bayern! Do bin i d'hoim."
Nun gut, für gewöhnlich spricht er relativ hochdeutsch. Aber trägt man in Hettenbach Tracht? Ich hätte eher auf Jogginghosen tschechischen oder türkischen Ursprungs plus gefälschte Adiletten getippt.
"Du musst deinem Unterbewusstsein schon starke Impulse liefern, dass es auch kapiert, welche Problembereiche du da grad anschauen willst."
Ich kann mir nicht vorstellen, dass zumindest sein Inneres farbenblind sein könnte - was im Moment vielleicht aber gesünder wäre. Was war das nur für ein Kaugummi? Oder eher Pattex mit Erdbeeraroma?
Und muss man dem Tango auch noch plärrend-laute, alkoholabatmende Wies'n-Glückseligkeit auf den Buckel binden? Reicht seine ganz normale hettenbachische Alltags-Arrabalität denn nicht? Bravo! Tapferer Tango! Aber diesen Gedankengang behalte ich lieber für mich. "Erleuchtung finden" ist für Pablo halt sehr wichtig.
Ich streife ihm Chipsbrösel vom Kinn. Für sein Vorhaben hat er sogar Bart und Koteletten epiliert. Sonst würde sein Bartschatten durch das Make up scheinen.
"Krieg ich ein bissel 'Tango' von dir?"
"An der Aufforderung musst aber schon noch arbeiten. Mit so einem Satz gehst du bestimmt nicht weg, du Milchsemmel."
"Nein, du willst mich nicht verstehen..." Na, zumindest diesen hochweiblichen Satz hat er gut drauf. Und schon steht er in meinem Bad und besprüht sich ausgiebig mit meinem Lieblingsduft. Ich erwähne die nächste Geschenkmöglichkeit - Weihnachten - und dass man "Tango" prima im Internet bestellen kann.
Er könnte wirklich Erfolg haben als "Paolina". Sein (ihr?) Habitus bedient eine Vielzahl männlicher Trigger. Kein Wunder, er weiß ja, welche Knöpfe er drücken muss. Aber erlebt er so wirklich "weibliche Identität"? Oder nur die Reflexion dessen, was Männer in Frauen sehen (wollen)? Trotzdem ist er damit schon sehr nahe an der heutigen Milonga-Realität. Natürlich wollen wir Frauen schön und begehrenswert daherkommen, damit uns einer der Kerle auffordert. Wir sind ja auch nur Menschen. Obwohl wir das - emanzipiert wie wir sind - vehement bestreiten.
Was soll's? Mutig finde ich sein Experiment allemal. Und spannend. Aber das gebe ich nicht zu.
Er fährt sich durch sein langes Haar, das er heute zu weichen Locken gedreht, offen trägt.
"Was machst du, wenn dich trotzdem keiner auffordert?"
Diese Möglichkeit sehe ich durchaus: Bei fast zwei Metern Prachtweib am Stück, das auch noch hervorragend tanzt, könnte der eine oder andere Mann den Mut verlieren.
"In der Einladung steht: 'Bei uns dürfen auch Frauen auffordern!'"
Dann kann ja nix mehr schiefgehen.
Doch, eine Ermahnung braucht er noch: Als routinierter Hosengewandeter muss er strikt drauf achten, ganz bewusst seine Knie beisammen zu halten! Dieses Problem kenne ich, hab' ich auch.
Und nein, ich will nicht mit. Ich erscheine nicht auf Veranstaltungen, die mir das Recht, meine Gosch'n zu benutzen, als außerordentliche Rarität verkaufen wollen. Außerdem: Tatort.
"Eine echte Lady fährt fei im Taxi vor, gell?"
Das leistet er sich heute als Erleuchtungsinvestition. Ich winke ihm vom Fenster aus nach. Auf dem Trottoir bleibt er mit seinem spitzen Absatz in einem fauligen Apfel stecken. Er puhlt ihn vor sich hingrummelnd ab und wirft ihn unmädchenhaft weit in die Auwiesen gegenüber. So ein matschiges Obstpräsent hätte eh kein Adam angenommen.
Einen Tag darauf berichtet er mir telefonisch und abgeschminkt. Er sei wirklich oft aufgefordert worden, der * hätte ihm sogar an den Hintern gefasst. (Darauf muss Pablo sich aber wirklich nix einbilden, der * probiert das bei jeder "jungen Schönen". Die nicht mehr ganz so jungen und nicht mehr ganz so schönen beliebt der Besagte mit Geschwätz über "Stil" zu beeindrucken.)
Enttarnt wurde mein schwesterlicher Seelenbruder leider dann doch: Das Genderbewusstsein bezüglich körperlicher Entleerungsvorgänge verharrte im maskulinen Modus, ließ ihn durch die zugehörige Tür marschieren, um sich fachmännisch einzureihen. Und den Ausschlag gab nicht das Dirndl, sondern der Blick seines rechten Nachbarn nach schräg links unten:
"Ach du bist das, Pablo!"
Herzliche Grüße
Hattest du auch so eine Oma, die dir einbläute: „Kind! Halt dich grad! Brust raus! Arschbacken z’samzwicken! Kinn in die Höh‘!“ Und dich dazu vielleicht noch mit einem Buch auf dem Kopf um den Wohnzimmertisch marschieren ließ? Daran muss ich oft denken. Vor allem beim Tanzen. Denn da merkt man ja ganz schnell, ob die Haltung stimmt: schön soll’s aussehen und aufrecht und leicht. Das klappt natürlich nur mit einer gut geschulten, entspannten Balance. Sonst fällt man um. Das ist dann nicht mehr schön.
Die gute Haltung brauchen wir ja nicht nur für’s Tanzen – ich höre einen Nichttänzer draußen am Bildschirm erleichtert aufatmen – sondern auch für ganz „normale“ Angelegenheiten wie Schifahren, Rasenmähen oder einfach Gehen.
Jetzt nähere ich mich mit meinen 50 dem Oma-Alter und tanze seit 47 Jahren. Drum darf ich jetzt auch einmal g’scheit daherreden: Was ich bei fast allen meinen Tanzlehrern, also Experten für gute Haltung vermisst habe, sind schnell umsetzbare Tipps für eine gute Haltung, die vor allem funktionieren.
Kein Ballettgekrampfe, sondern einfach eine entspannte, gute Haltung. Denn die ist artgerecht für unsere Gestelle und beugt Schmerzen vor.
Stattdessen gab’s massenhaft Anweisungen, die – wie ich heute weiß – einfach biomechanischer Quatsch sind. Siehe Oma! Leider halten sich etliche dieser Mythen bis heute hartnäckig und stören so manchen Bewegungsfluss empfindlich. Dann tut’s irgendwann, eher früher als später, weh. Und das muss echt nicht sein!
Wahrscheinlich bin ich deswegen schließlich beim Tango hängengeblieben: Tango ist ein Tanz, der mit recht organischen, physiologischen Bewegungsmustern auskommt. Ein Tanz der einfachen Leute, zum auf der Straße tanzen. Mit Bewegungsideen, die man auch im "normalen Leben" benutzt. Das Praktische daran ist, dass du die folgenden Pimp-Vorschläge in deinen ganz normalen Alltag integrieren kannst.
Tango ist (noch dazu!) eine sinnliche Sach'! Er findet im Körper statt, nicht im Hirn. Denn selbiges kann (vielleicht sogar hervorragend) denken, aber nicht fühlen. Und Tango tanzen schon gar nicht. Dein Gestell reguliert zusammen mit dem Bewegungszentrum deine Bewegungen selber. Vorausgesetzt, du lässt das zu, anstatt deine Schaltzentrale für "coole Moves" mit siebenundachtzigkommafünf Korrekturanweisungen zu überfluten.
Nutze dein gepimptes Gestell, wo und wann du willst! Ich bin dir gewiss nicht gram, wenn du mit Tango nix am Hut hast und die Vorschläge für tangoferne Aktivitäten verwendest, z.B. in der Arbeit, beim sonntäglichen Verwandtenspaziergang, Tennisspielen oder Kartoffelschälen. Ersetze dann einfach "Tango" durch deine Lieblingsaktivität.
Meine Vorschläge wirken u.a. über Sensomotorik, Stellreflexe und Aktivierung von Muskelketten. Trotzdem erfordern sie ein bissel Übung, bis sie ausgegraben, reaktiviert und wieder in Fleisch und Blut übergegangen sind. Je öfter du im Alltag damit spielst, umso schneller werden sich die leichteren Bewegungen etablieren.
Bis die alten, verspannten Haltungsmuster komplett durch die neuen, entspannten ersetzt sind, kann sich dein Körper eine Zeitlang eigenartig oder sogar schlaff anfühlen. Das ist ganz normal beim Umlernen. Hab Geduld. Übe einfach weiter.
Los geht's!
Schon auf der Fahrt zum Tango (oder wohin auch immer) kannst du damit beginnen, deinen Körper auf's Tanzen (oder was auch immer) vorzubereiten:
Der Damm (Perineum) ist die geheime Stelle am Beckenboden zwischen Harnröhre und Hinterausgang, bzw. Kronjuwelen und Hinterausgang. Der Teil zwischen den Beinen, der auf dem Fahrradsattel sitzt. Falls du den Damm nicht oder nur schwer spüren kannst: Hilf deiner inneren Landkarte in einem ruhigen Alleinsamkeitsmoment mit Berührung. Beim Herz meine ich den Teil, der hinter dem Brustbein bumpert.
Darf ich vorstellen: Musculus gluteus maximus (großer Gesäßmuskel)! Laut Stellenbeschreibung liegt eine seiner Hauptaufgaben in der Hüftstreckung. Das macht er gut. Im Video findest du eine anschauliche Zeigung ;)
Bleibt er aber bei anderen Aktionen in Beinen und Hüfte dauerangespannt, behindert unser Kraftmeier das Bewegungsausmaß im unteren Rücken und Geläuf (erfahrungsgemäß eine Lieblingsverspannung der Männer). Besonders gut fühlbar ist diese Situation, wenn du versuchst, mit verkrampftem Hinterteil in die Hocke zu gehen oder dich abzusetzen. Ein zusammengezwickter Gluteus zwingt dann sogar seine gegen- und mitspielendenden Muskelbrüder zu erhöhtem Energieaufwand. Die Beinmuskulatur, Hüfte und Rücken müssen so biomechanisch sehr ungünstig gegen Widerstand arbeiten. Und sich tierisch anstrengen. Bleibt das eine Zeitlang so, lassen Rücken- oder Hüftschmerzen nicht lange auf sich warten.
Ist unser MG Maximus schon in Ruhe zu 80 Prozent angespannt, bleiben ihm nur noch 20 Prozent zum Kraft-Maximum. Mehr Anspannung auf einen eh schon angespannten Muskel draufstapeln ist schwierig! Darf er dagegen ein bissele lockerer sein, wenn du ihn nicht oder nur wenig brauchst, hat er weit mehr Kraftpotenzial zur differenzierten, schnellen Anpassung zur Verfügung.
Beobachte also genau, in welchen Situationen du deinen Hintern über die Maße anspannst. Lass locker!
Und jetzt geben wir der Balletteuse ihr sagenumwobenes 5-Mark-Stück, das sie zwischen ihren Pobacken eingezwickt umherträgt, und schicken sie damit zum Eisessen. Ja?
Die geraden Bauchmuskeln - vorne am Rumpf, zwischen Schambein und Brustbein - sind NICHT die alleinseligmachenden Haltungsaufbauer. Wie auch? Ihr Hauptjob besteht darin, den Rumpf zu beugen. Im Stehen kippen sie das Becken, indem sie das Schambein Richtung Kinn ziehen. Beide Möglichkeiten scheinen mir für eine aufrechte Haltung sinnlos. Eine knackige Dauerspannung im Sixpack zu halten ist daher total unnötig!
Brettlhart angespannt wird’s schwierig mit dem Atmen. Das macht missmutig und bewirkt weitere Verspannungen anderswo.
Hältst du deinen Beckengürtel im richtigen Kippwinkel – Herz über dem Damm - beginnen auch der Beckenboden und die anderen Bauchmuskeln lässig und artgerecht ihre Arbeit.
Das reicht doch! Wie ein feines Stützmieder (Nierengurt) mit Atemöffnung rund um den Bauchnabel.
Das hält den Rücken zufrieden. Und dich hoffentlich auch!

... Fortsetzung folgt!
Diese Artikelserie erschien auch hier: "Was Ihnen Ihr Tangolehrer nicht erzählt" Gerhard Riedl präsentiert auf seinem Blog geheimste Geheimnisse mit Gastbeiträgen von altgedienten TangoverrücktInnen. Eine echte Schatzkiste!
Herzliche Grüße!
]]>Die Zeit rennt an dir vorbei wie eine hastige Assel auf Speed, markiert laut riechend ihr Revier mit immer neuen ToDos, Aufgaben, Erledigungen? (Versuch mal eine zu fotografieren, dann weißt du, was ich meine.) Missionen, die auf keinen Fall aufgeschoben werden dürfen, prasseln vom Himmel. Ein sausendes Tableau, flirrend vor Hektik, garniert mit schweißigen Händen, Herzklopfen und flacher Atmung? Atemlos?
Pfeilartige Anforderungen aus allen Richtungen, die krachend, spritzend im Pausenkaffee landen? So viele Richtungen weisend, dass du vergisst, wo der Ausgang Richtung Ruhe ist? Sogar beim Einschlafen, wenn sich eigentlich friedliche Lämmlein niedlich tummeln sollten, hetzen die Gedankenwiesel hurtig im Dauerlauf. Wo war nochmal die eigene Mitte?
Das stört immens. Und zwar in allen Situationen, wo du dich mit offenem Herzen auf jemanden einlassen möchtest: ob in der Pflege, beim Therapieren, beim Coachen, beim Tango oder mal einfach so im Umgang mit deinen Lieben.
Der feine, "weiche" Blick, der dir im therapeutischen Wirken oder der Arbeit in der Pflege die Zwischentöne beleuchtet, schränkt sich tunnelartig ein. Das spüren deine Patienten. Vielleicht ziehen sie sich misstrauisch zurück, und du kriegst an so einem Tag einfach keinen guten Kontakt. Kinder sind besonders sensibel für so eine Befindlichkeit.
Nicht mal die superguten, altbewährten Entspannungsmethoden, die du deinen gestressten Mitmenschen empfiehlst, funktionieren!
Kein nahrungsmittelähnliches Produkt, sondern eine ehrliche, echte, wahrhaftige Hühnersuppe. Kochen! Und essen! Eine, die in ihren verschiedenen Stadien der Zubereitung bodenständige Gerüche verbreitet und simmernd-singend Nahrung für Leib und Seele verspricht. Und gewiss hält.
Dann wird die Seelentröster-Suppe zur Therapie - leider nicht auf Kassenrezept, obwohl sie auch prima gegen eine aufziehende Erkältung hilft, wie jede Oma weiß, oder zur (postviralen) Aufpäppelung. Manchmal koche ich sie auch für meine Pflegepatienten. Selbst wenn du sie über eine Magensonde verabreichst, scheint - neben den Inhaltsstoffen - die hineingekochte Liebe nährend zu wirken. (Anmerkung zur Bolus-Gabe über PEG oder Magensonde: Unbedingt vorher durch ein feines Sieb gießen, um die Gewürzstückchen etc. herauszufiltern. Hinterher gut nachspülen, mit klarem Wasser oder einem Schluck Cola.)
Mach's dir schön: Räum deinen Arbeitsplatz frei (oder lass ihn freiräumen). Stelle die Zutaten hübsch aufgereiht bereit. Schleif dein Messer. Benutze ein frisches Geschirrtuch und leg dir wohlige Musik auf. So bleibt dir genug Zeit, dich am fröhlich-magischen Schmurgeln und Simmern der Ingridenzien zu erfreuen.
Die Aufmerksamkeit dabei bindet dich im Hier und Jetzt. (Huh! Jetzt hätt' ich fast "Achtsamkeit" geschrieben!) Beobachte, schnuppere, wie sich der Duft während des Kochens ändert. Lass dir Zeit und rühre Liebe hinein.
Mit ein bissel Glück entdeckst du dann deine vermisst gemeldete Erleuchtung in den Fettaugen der Suppe. Der Erleuchtung ist es nämlich egal, wie du sie erlangst. Und die Ruhe darf wieder in deinem Herzen wohnen.
Diese Mengen sollten für vier Portionen genügen. Oder du füllst den Rest ab und lagerst ihn in der Gefriertruhe als Notessen. (Vorbereitung: zirka 20 Minuten, Kochzeit: eine gute Stunde)
Liebe Vegetarier, Veganer und diverse Non-Fleischitarier: Ersetzt die Hühnerbeine einfach mit einer guten Portion des Lieblingsgemüses - oder einer Mischung (z.B. Fenchel, Kürbis, Kichererbsen, Bohnen jeglicher Couleur, ...). Die "magische" Wirkung liegt in der Sorgfalt und Liebe bei der Zubereitung.
Als Ohren-Nahrung während des Kochens kann ich Casals Cello Suites empfehlen:
Benutze das "gute Geschirr". Zünd ein Kerzlein an. Leg deine Lieblingsmusik auf. Setz dich an den Tisch (Ich meine den Esstisch, nicht den Sofatisch!) und lass dir schmecken! Teilst du die Suppe mit lieben Menschen, haltet die Gespräche in friedlichen Bahnen.
Und dann schau'! Voilà! Da lächelt sie dich schon aus den Fettaugen an: die verloren geglaubte Erleuchtung ;)
Herzliche Grüße, Manuela
Damals in den Neunzigern war ich im besten „Ich hab' die Welt und überhaupts alles kapiert!“-Alter, also Anfang zwanzig, im letzten Ausbildungsdrittel zur examinierten Krankenschwester und hielt mich für so(!) rational(!). Wie man halt als verbildet-arrogantes G'scheithaferl so denkt. Stolz naivgrün leuchtend bis hinter die Ohren. Schulmedizin und die aus dem Geburtskanal kriechende Pflegewissenschaft waren für mich das Nonplusultra.
Nur vage ahnte ich, dass da vielleicht noch was anderes sein könnte: „Würdevoller Umgang mit Patienten“, Menschlichkeit und solche Spompanadeln erfreuten zwar meine sozialdemokratisch sozialisierte Seele, aber eben nur im weltverbesserischen – keineswegs im gesundheitlichen Sinne.
So saßen wir Schwesternschülerinnen mit geschwollenen Hirnen auf der Sperrmülleckbank in meiner Küche, stopften uns mit Vollkornkuchen voll, und diskutierten unsere Zerissenheit zwischen Theorie und Praxis sowie den „Untergang guter Pflege“. (Jaja, schon damals! Konnten uns ja in unseren schlimmsten Träumen nicht ausmalen, wie sich das Pflegegeschäft tatsächlich entwickeln würde.)
H. war auch mit von der Partie, eine (für uns) „ältere“ Frau, die mit Ende dreißig ins Pflege-Azubifach wechselte. So lautstark und dick, wie sie daherkam, konnte ich nicht sehr viel Sympathie aufbringen, aber sie war halt unsere Klassenkameradin.
„Es ist eh alles nur psychisch! Psychosomatik!“, tönte sie in die Runde. „Stressulkus! Es heißt im Volksmund, dass Stress auf den Magen schlägt! Genau so isses!“. Sie lispelte diskret. Den Einwurf, dass Heliobacter pylori – wissenschaftlich erwiesen – ein Magengeschwür verursachen kann, ignorierte sie. Hatten wir doch letzte Stunde gelernt? Und nicht jede gestresste Person entwickle ein Magengeschwür? Wie kann das sein?
Sie erklärte uns Mädchen, dass wirklich jede(!) Krankheit nicht aus dem Körper oder sonstwoher komme, sondern nur und ausschließlich aus der Psyche! Das wäre Psychosomatik! Die Patienten und Ärzte würden das aber nicht kapieren wollen!
Auch Gallenstein, Hepatitis, Krebs, gebrochenes Bein? Im Brustton der Überzeugung pflanzt sie ein unwidersprechliches JA und zahlreiche Ausrufezeichen auf den Kaffeetisch. Psychosomatisch!
Meine Nebenfrau verschluckt sich an Bröseln, die gegenüber findet plötzlich den Deckenbalken megainteressant, und ich schweige peinlich berührt.
Für jedes Symptom respektive Krankheit gebe es eine genaue Zuordnung zu einem psychischen Problem. Dieses, z.B. sexueller Missbrauch in der Kindheit (!), müsse man ausgraben! Und aufarbeiten! Fertig! Mensch gesund! So einfach!
Mir stellten sich die Haare im Nacken auf. Das Gros der Patienten hatte doch keinen Knall! Ein paar Demente, okay, aber so psychopathologisch wie meine Klassenkameradin unterstellte, schienen mir die Kranken auf Station nun wirklich nicht. Im Gegenteil, es gab so viele Erfolgreiche, Lebenskompetente unter den Patienten, die trotzdem krank waren. Wie war das, legte man H.s Theorie zugrunde, möglich?
Außerdem waren (und sind) mir solch obsukre Kochrezept-Lösungsansätze „mit ohne“ Evidenz oder zumindest einer vernünftig-logischen Erklärung schon immer suspekt. Dagegen wehre ich mich auch heute noch wie Räuber Hotzenplotz mit seinen sieben Messern.
Ich mochte es zudem noch nie, wenn ein Fremder versucht, in meiner Seele herumzustochern. Als H. dann noch mit Aura-Soma-Therapie anfing, war für mich erstmal Schluss mit diesen esoterischen Ideengespinsten.
Um das unangenehme Thema abzuwürgen, lästerten wir über die eigenartigen Marotten der ausbildenden Diakonissen: das ewige Bettenmachen in linealgerader Militärmanier, das perfektionistische Anrichten der Speisen damals auf Station und die hochwichtige Pflege der Schnittblumen in den Patientenzimmern. Damit wären wir wieder beim „Grün (hinter den Ohren)“.
Erst sehr viel später lernte ich die andressierten Marotten zu schätzen. Ich kann noch heute kein ungemachten Bett so sein lassen. Zumindest Kissen schütteln. In einem frisch gemachten Bett, am besten mit frischer Bettwäsche, schläft es sich sehr viel besser. Ob man böse Traumgespenster herausschüttelt, die Ästhetiksinne füttert oder man schlicht und einfach falten- respektive bröselfrei bequemer liegt, ist doch egal. Guter Schlaf ist eine wunderbare, zudem kostenlose Regenerartionsmedizin. Evidenzbasiert!
Und ich sehe die Freude in den Augen anderer Menschen, wenn ihr Essen, vielleicht sogar aus echten Lebensmitteln hergestellt, hübsch angerichtet ist. Mit Liebe eine schöne Umgebung zum Gesundwerden zu schaffen, ein freundlicher Schwatz, scheinen mehr heilsame Wirkung aufs Gemüt und den Körper zu haben, als ich damals ahnen konnte. Trotzdem sind diese banalen Kleinigkeiten in der Medizin und Pflege fast ausgestorben. Sehr schade!
Was uns dortmals ebenfalls antrainiert wurde, war sorgfältigste Patientenbeobachtung. Nicht nur die messbaren Angelegenheiten wie Puls, Blutdruck, Atemfrequenz, Beschreibung sämtlicher Ausscheidungen, die ein Mensch produzieren kann, sondern auch „wie es Person XY geht“. Das intuitive Erspüren der „alten“ Krankenschwestern von vielleicht kommenden Problemen erschien mir als Grünling beinahe magisch. Und obwohl ich keine logische Erklärung fand, waren diese Ahnungen erstaunlich treffsicher. Den Patienten ging es nach den ebenso seltsamen Interventionen meist besser, und zwar seelisch und körperlich. Das wollte ich auch können.
So schaute ich mir viel ab, probierte aus, versuchte gleichzeitig, diese heilende Zufriedenheitswürze zwischen den Pflegehandlungen zu verstecken, den Kranken Lebenslust, Leichtigkeit und Hoffnung mitzubringen, an der sie sich ihr Lichtlein anstecken konnten, wenn sie wollten.
Natürlich alles ganz heimlich, ich genierte mich schon. Doch aus mir damals unerfindlichen Gründen funktionierte es: Wendete ich das eigentümliche "Menschlichkeits-Geheimrezept" an, waren die Patienten zufrieden, entspannt, zugänglicher – alles war irgendwie leichter. Arbeitete ich dagegen streng „nur nach Schule“, gestaltete sich vieles schwieriger, den Menschen ging es nicht so gut.
Vielleicht, so vermutete ich, war es das ehrliche Interesse, das die Menschen spürten? Geborgenheit? Oder sowas wie Respekt? Damals hatte ich keinen Schimmer von den Wirkmechanismen. Das alles war aber auf jeden Fall hoch spannend, auch die Tatsache, dass anscheinend jede und jeder etwas anderes brauchten. So begann ich meinen Wortschatz, Tonfall, Duktus und natürlich den Inhalt bei Patientenplaudereien anzupassen.
Auch das sich entwickelnde Gespür für "Was geht?" bei diesem Menschen, "Wann und in welcher Form?", hat mich ein bissel demütiger werden lassen: Nicht alles ist für jeden gut. Alle nach Schema F zu behandeln, bringt unterm Strich – wenn überhaupt – nur mittelmäßige Ergebnisse.
Dennoch weigerte ich mich lange Jahre strikt, an diesen "psychosomatischen Eso-Quatsch" mit den Symptom-Zuordnungslisten zu glauben, geschweige denn, damit zu arbeiten, pochte auf die Schulmedizin, als das einzig Wahre. Mit Verlaub, bis dahin waren mir fast ausschließlich "naturheilkundliche Spinner" begegnet wie H. samt Aura-Soma-Therapie, Globuli und Adlerfedern. Dass aber noch so viel mehr in der Lücke zwischen Spinnerei am einen Ende und mechanistischer Schulmedizin am anderen Ende liegt, habe ich zwar leise geahnt, aber nicht gewagt "in die Hand" zu nehmen oder gar zu benennen. Trotzdem verzweifelt, zweifelnd gesucht.
Erst das Lesen eines (sehr großen!) Regals voller Bücher und Fortbildungen lieferten schubkarrenweise Erkenntnisse und Evidenz, in Folge Erklärungen, warum mein eigentümlich-heimliches, entspannendes "Menschlichkeits-Geheimrezept" wahrhaftig heilungsfördernd wirken kann: Es wendet sich schlicht und ergreifend an das Vegetativum – an den Leib und(!) die Seele der Menschen. Das Licht ist angegeangen. (Erleuchtet bin ich deswegen noch lange nicht ;) Lernen hört nie auf.

Berochen, verkostet, Taugliches gekaut, geschluckt und "einverleibt": Da hatte ich die "Beweise", dass meine Art zu behandeln schon längst eine "psychosomatische" ist!
Hört, sieht und spürt man genau hin, dann zeigt mir ein Körper ganz genau, was er braucht, damit es ihm besser gehen kann. Oder bevor es richtig schlimm wird. Dein Körper ist dein Freund. Ja, wirklich!
Mit dieser psychosomatischen Sichtweise kommen meine Patienten in Pflege und Heilpraktik zurecht. Sehr gut sogar! Ich muss Psychosomatik nicht einmal bei Namen nennen. Sie sitzt zufrieden in meinen Händen, Herz und Hirn – immer mit von der Partie. Sie ist so schön pragmatisch, kreativ, individuell, entspannend und menschenfreundlich. Zudem wissenschaftlich belegt. Und man darf dabei lachen! Keine Hexerei. Oder doch?
Herzliche Grüße!
]]>Hast du schon mal einen Ikea-Schrank zusammengeschraubt? Dann weißt du wahrscheinlich, dass es in diesem Fall absolut tödlich ist, sich einen Überblick verschaffen zu wollen. Der effektive "schwedische" Weg zum Möbelstück besteht in möglichst hirndumpfem Befolgen der Anleitung.
Fragst du "Warum ist das so?" und lässt deine rechte, die intuitive, kreative, improvisierungswillige Hirnhälfte mitspielen, kommst du in Teufels Küche. Ein solcher Kauf bringt dir vielleicht eine neue Aufbewahrungsmöglichkeit in dein Leben, aber gewiss kein Verständnis für das Prinzip "So geht Schrank bauen" (oder gar Erleuchtung).
Wer beim Tango lediglich linkshirnig schritteorientiert vorgeht - im Sinne von "Jetzt den Fuß 30 cm in einem Winkel von soundsoviel Grad vor den anderen setzen, das Gewicht verlagern, während der Tanzpartner..." - kann mit ganz viel Übung der angesagten Routine (=Schrittfolge) schon etwas Tangoähnliches entwickeln. Mit der Improvisation, also die gemeinsame Bewegung geschmeidig und flexibel in die Musik hineinzuweben, wird's dann allerdings schwierig. Fühlt sich auch nicht schön an.
Auch in der Medizin - speziell in der Pflege - wird der Ausführende mit "strukturprozessorientierten Vorgehensstandards" überschwemmt. So gestalten sich Vorgänge zwar messbar, blöd ist aber, dass die Menschen so verschieden sind und als verlässliche Parameter wegfallen (müssen). Sowohl der Patient als auch die pflegende Person werden in diesem Setting austauschbar. Und ich frage mich, ob wir das wirklich so wollen?
Das individuelle Eingehen auf den Patienten, die verschiedenen Sichtweisen und Handlungsideen auf seine ganz eigenen Probleme und speziellen Bedürfnisse sowie die Anpassung seines Heilungsweges wird so aus der Rechnung einfach hinausdividiert. Stattdessen soll nach festgeklopftem "Standard" gepflegt werden. Ein grundsätzliches Verständnis von Prinzipien und deren Wirkungen geht leider langsam verloren. Zum Beispiel, dass Patienten auch eine Seele haben?
Zugegeben, manchmal sind ganz konkrete Anleitungen sinnvoll. Zum Beipiel in einer Notfallsituation, wenn Emotionen und die Betrachtung von Grundsätzlichem zu zeitraubend wären - oder wie in unserem Beispiel "Ikeaschrank" am Ziel vorbeiführten.
Nun vom Schrank zur Fußschmerzlinderung...
Verstehst du das Prinzip und die Wirkweise, kannst du "dein eigenes Ding bauen" und selbiges dynamisch-flexibel an deine Bedürfnisse sowie die Situation anpassen.
Selber denken und schauen, was speziell DIR gut tut, wird immer wichtiger. Aus diesem Grund nenne ich dir in der "Ballito-Bastelstube" keine konkreten Grammangaben oder Ähnliches. Auch im in meinem Buch "Das Konzept Fuß" stelle ich dir einzelne Module vor, die du nach Belieben zusammenfügen kannst.
Die Art der Massageball-Befüllung sowie die ungefähren Mengenangaben möchten lediglich Vorschläge sein. Verwende ruhig etwas anderes, was dir passender erscheint oder du in deinem Küchenschrank oder im Garten findest. Du darfst die Ballitos natürlich gerne umbennen ;) Keine Hemmungen! Experimentiere! Improvisiere! Der fast zu vernachlässigende Preis von Damenfeinsöckchen und des möglichen Inhalts der Ballitos rechtfertigt zahlreiche Versuche.
(Tausend Dank an die Musikerinnen vom Duo Tango Varieté (Karin Law Robinson-Riedl und Bettina Kollmannsberger) für die "Filmmusik"! Die beiden wundervollen Damen sind für musikalische Einsätze buchbar.)
Anwendungsbeispiele: im Schuhbeutel mit zur Milonga nehmen für postmilongische Fußverwöhnung, unter dem Wohnzimmertisch beim Fernsehen drauf herumkrabbeln, schreibtischsitzend zehisch hineingreifen... Oder du nutzt dieses Dings als Wutball ;)
Das "Kostet-fast-nix"-Argument lege ich auch meinen Therapeuten-Kollegen an's Herz. So kannst du einfach und schnell für jeden Patienten sein eigenes Therapeutenspielzeug herstellen. Das ist hygienisch und persönlich.
Die Ballitos eignen sich auch ausgezeichnet zur Arbeit mit den Händen, z.B. für sensomotorische Greifübungen oder zur Handlagerung. Routinierten Bastelexperten - wie in Ergotherapiekreisen oft vertreten - fallen bestimmt noch zahlreiche Einsatzmöglichkeiten und bauliche Adaptionen ein.
Anmerkung nebenbei: Auch selbst entwickelte "Experimente" beim Tango kosten nix. Kein Blitz wird vom Himmel fahren, wenn du eine gelernte Schrittfolge einfach abwandelst! Wünsche fröhliche Bastelungen, wo auch immer!
Herzliche Grüße!

Hat dir dein Orthopäde einen Senk-Spreizfuß und beginnenden Hallux valgus diagnostiziert - garniert mit einem Lächeln und zugehörigen ICDs? Nicht verzagen! Nimm diese Aussage als Chance, jetzt noch etwas zu ändern, bevor's richtig schlimm wird. Eine Operation muss nicht die einzige Lösung sein - vorausgesetzt, du bist bereit, deine Fußnutzungsgewohnheiten fußverträglicher zu gestalten. Und das ist gar nicht so schwer. Zudem wird die operative Korrektur sehr wahrscheinlich nur für eine gewisse Zeit helfen, wenn du die füßischen Grundvoraussetzungen nicht änderst.
Im letzten Artikel haben wir erkundet, wie so ein Hallux valgus eigentlich entsteht.
Heute entwickeln wir ein alltagstaugliches Konzept, wie wir
Wie im Modellbild oben schön zu sehen, schließen die Mittelfußknochen wie Strahlen an deine Zehen an.
Vergrößerst du die Zwischen-Zeh-Räume immer mal wieder, strahlt die Bewegung zwangsläufig in den Mittelfuß. Sämtliche Zehen-Spreiz-Maßnahmen entspannen und lockern den Mittelfuß. Ob du dazu deine Finger benutzt, Weinflaschenkorken, zugeschnittene Schwämme, Papilotten oder käuflich zu erwerbendes Spielzeug (z.B. Yogatoes, Zehenseperatoren oder ähnliches), bleibt dir überlassen.
Sind deine Zehen in den Grundgelenken steif, wird das Abrollen deines Fußes beim Gehen schwierig. Locker-lässig-gängige Zehengrundgelenke lassen dich deinen laufenden Fuß biomechanisch besser nutzen: Erinnere deine Fußfinger wieder sanft an ihre Bestimmung: Nimm jeden Zeh einzeln und beuge ihn passiv, vorsichtig und bewusst fühlend Richtung Fußrücken.
Widme dich besonders dem Großzehengrundgelenk: Umfasse deinen Fußdaumen mit der ganzen Hand und ziehe ein wenig. Nicht grob sein, gell? Nimm ihn mit in die Beugung und Streckung. Du darfst ihn auch leicht unter Zug nach innen drehen.
Spüre dabei, wie leicht das gehen kann. Nicht das Bewegungsausmaß zählt, sondern dass du die Mühelosigkeit der Bewegung fühlst - auch wenn sie (noch) ganz klein ist. Mit der Leichtigkeit wird sich das Bewegungsausmaß vergrößern. Also keinen falschen Ehrgeiz!
Viele Füße fühlen sich in diesem Bereich an wie Pinocchios Klotzfuß - eingesperrt in festen Schuhen ist ja kaum Bewegung möglich. Die nicht genutzten Bewegungsmöglichkeiten landen dann in der Benutzen-wir-gerade-nicht-Schublade. Das ist schade, denn entspannte Füße können mehr kompensieren als Klötze.
Mobilisiere deinen Mittelfuß, um wieder Leben in diesen Bereich zu holen:
Umfasse mit beiden Händen den Fuß, so dass der eine Daumen am Großzehengrundgelenk den anderen am Grundgelenk des Zeigezehs trifft. Die Kuppen der Mittelfinger und/oder Zeigefinger bilden die Gegenstücke an der Sohle.
Bewege die Hände gegengleich wellenartig auf und ab. Erscheint dir das Gewebe locker und durchgängig, gehe ein Gelenk weiter, bis du an der Außenkante angekommen bist. Wandere ein kleines Stück weiter Richtung Ferse zurück zur Innenkante, wieder ein bisschen tiefer und wieder hinüber, bis du mit deinen massierten Zeilen die Fußwurzel erreicht hast.
Im Verlauf dürfen die an der Sohle arbeitenden Finger ihre Bahn verbreitern, so dass du den oft festen muskulären Anteil unter der Fußwurzel kräftig bearbeiten kannst. (Siehe Video: https://www.youtube.com/watch?v=rMSho_-hL58)
Hast du keine Zeit-oder Lustkapazitäten für eine Massage, schenke deinen Füßen zahlreiche und häufige Impulse: Igelbälle oder ähnliches füßisch rollen, barfußlaufen, Schuhwechsel... Hier findest du eine Bastelanleitung für Ballitos, hausgemachtes Fußspielzeug
Am Knetmodell zeigt uns die schienbein-simulierende Ballerina, wie ihr mittiges Stehen in der Knöchelschale eine hübsche, gerade aufgerichtete Achse vom Zeigezeh übers Schienbein nach oben bildet. So läuft die Kraftlinie optimal, und das Großzehengrundgelenk wird entlastet.
Das können wir auch! Stell dir vor, du hättest Glotzeaugen auf deinen Knien und auf den Kuppen der deiner Zeigezehen. Schauen alle vier in die gleiche Richtung? Geradeaus nach vorne? Kontrolliere die Blickrichtungen im Spiegel und korrigiere ggf.

Behalte dieses Bild bei: beim Gehen, beim Tanzen, wobei auch immer. Rolle über diese Linie deine Füße ab!
Dass "Entenfüße" - also auswärts gedrehte Zehen - dabei nicht gerade hilfreich sind, ist klar.
Damit trainierst du automatisch deinen langen Scheinbeinmuskel. Er setzt außen am Knie an, zieht nach unten zur Innenseite deines Fußes und schlüpft unter die Sohle, um dort an den Fußwurzelknochen zu ankern. So geschickt spiralig angebracht unterstützt er die Aufrichtung im Knöchel.
Es kann sein, dass dein langer Wadenmuskel an der Außenseite der Unterschenkel durch langjährige Innenkippung im Knöchelbereich ein wenig mault. Möglicherweise hat er sich an seinen Kurzzustand gewöhnt hat und fühlt sich ein bissel verholzt an. Massiere diesen Bereich immer mal wieder kräftig: mit der Faust oder ähnlichem ;) feste ausstreichen.
Hast du lange Jahre im Hochschuh verbracht, möchten Achillessehne und die strammen Wadelbrüder an Rückseite vielleicht auch nicht gerne in die ungewohnte Dehnung gehen. Hab Geduld mit ihnen und gewöhne sie langsam wieder an ihre ursprüngliche Stellenbeschreibung: Auch die Ferse wohnt auf dem Boden.
Tänzer unterteilen ihre Pfoten in den sogenannten Sprungfuß und den Stützfuß - ein prima Konzept, das es wert ist, geklaut zu werden.
Als Sprungfuß fungiert der innere Part mit Großzehe, Zeige- und Mittelzeh samt zugehörigen Mittelfußknochen. Für dynamische Aktionen ist es von Vorteil, just diesen Genossen die Hauptarbeit zu überlassen, da sie die Sprungkraft optimal übers Schienbein nach oben übertragen.
Zum Stützen beim Stehen benutzen wir zusätzlich die äußeren Anteile und die Ferse so, als würden wir seitliche und rückwärtige Ausleger ausklappen: mehr Standfläche - mehr Stabilität.
Versuche im Alltag, diese beiden Fraktionen gemäß ihrer Funktion einzusetzen. Erfahrungsgemäß neigen Halluxist(inn)en gerne dazu, ständig auf dem Sprung zu sein. Gönne deinen Füßen bewusst gestütze Erholung zum Beispiel beim Zähneputzen oder an der Supermarktkasse.
Um den Unterschied besser zu erspüren und die Muskeln am Unterschenkel zu trainieren, kannst du dich immer mal wieder auf die Zehenspitzen heben und anschließend bequem auch die Außenseiten zum Stehen nutzen. Fühle den Unterschied!
Musst du beruflich zwingend hohe Schuhe tragen, sind die hier vorgestellten Ballenzeh-Vermeidungsstrategien ganz besonders wichtig. Du hast ja mal Feierabend oder frei.
(Mehr dazu in meinem Blogbeitrag zum Thema Schuhe http://im-prinzip-tango.blogspot.de/2017/08/die-richtigen-schuhe.html)
Hat man dir Einlagen angeraten? Diese sind eine feine "Akut-Medizin", um für einen gewissen Zeitraum das Fußgewölbe stützend zu entlasten. Aber wie bei jedem Medikament entwickeln sich bei Langzeitgebrauch Nebenwirkungen: Durch die chronische Übernahme der Haltearbeit werden deine Muskeln im Unterschenkel irgendwann schwächeln und ihre Aufgabe nur suboptimal erledigen können. Die Bewegungseinschränkung direkt im Fuß nimmt zudem wichtige kleine Bewegungsimpulse weg. Die zugehörigen Bewegungsmuster landen dann in der Benutzen-wir-derzeit-nicht-Schublade, und das wollen wir gerade nicht!
Gewöhne deine Füße langsam, sanft und geduldig an einen Nutzungsplan, der "so nah an barfuß wie irgendwie möglich" liegt.
Die Haut ist dein eingebauter, von den Schöpfern mitgegebener "Naturschuh" und verdient mindestens genausoviel (wenn nicht mehr!) Pflege wie deine gekauften Extern-Schuhe:
Halte die Haut geschmeidig, salbe oder öle gegen rissige Haut vor allem am Ballen.
Vermeide direkten Druck durch zu enge Schuhe. Druckbelastete Stellen - egal ob von außen oder durch Fehlbelastung - reißen gerne ein und heilen schlecht. Im Handel gibt es diverse "Hallux Schutzkappen": fertige, strumpfähnliche Bandagen oder Produkte aus Silikon - manche sogar mit eingebautem Zehenspreizer.
Schenke auch den gesamten Fußballen an der Sohle Aufmerksamkeit: Oft ist das Großzehengrundgelenk nicht die einzige Baustelle. Durch die meist über Jahre eingeübte ungünstige Druckbelastung und das flach-steife Quergewölbe entwickeln sich gerne Hühneraugen im mittleren Bereich. Auf einem Hühnerauge steht sichs gar nicht gut, und genau das würde das Lernen einer biomechanisch günstigeren Haltung stören oder sogar verhindern. Lass in dem Fall als Halluxminderungs-Investition eine gute Fußpflegerin die Grundbedingungen verbessern. (Hier stehe ich dir gerne als heilpraktische Krankenschwester fußpflegerisch zur Verfügung.)
Das sind doch eine ganze Menge Ideen, an denen du als beginnender Eigenfuß-Experte ansetzen kannst! Dass sich deine Gesamt-Köperhaltung zwangsläufig mitverbessern wird, ist ein netter Nebeneffekt, den man gut hinnehmen kann, finde ich.
Aber nicht verzagen, das dauert seine Zeit. Dein Hallux ist ja auch über lange Jahre gezüchtet und nicht vom Himmel gefallen. Stell dir lieber vor, wie schön es sein wird, wieder schmerzärmer oder sogar schmerzfrei tanzen zu können - oder was auch immer.
Und genau heute ist der richtige Tag, um anzufangen!
Du darfst die Vorschläge nach Belieben kombinieren, in der Reihenfolge verändern oder mit Wellnessgeschichten ergänzen. Es sind deine Füße, und du spürst, was ihnen guttut.
So könnte ein suboptimales „Gespräch" zwischen einem Körper und dessen Besitzer aussehen. Oder einer Körperin und Besitzerin. Vermute ich. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall aus Sicht des Körpers. Bitte sei nachsichtig: Körper haben's nicht so mit Menschensprache. Drum kann die Übersetzung auch grob und angenähert sein.
Körperbesitzer: Sieht nix. Hört nix. Fühlt nix. Keine Zeit. Keine Lust.
Körper ist in Not! Ruft. Sonst kaputt! Besitzer will nicht. Muss arbeiten. Muss Kind versorgen. Muss Radl fahren. Und der Körper? Der muss mit.
Körper will nicht. Ist festgewachsen am Besitzer. Hilft nix. Muss halt mit. Tut gar nicht gut! Besitzer-Mission muss! Ist Chef. Ist Daseinszweck. Horch! Besitzer! Hunger! Durst!
Besitzer spürt, es zwickt, leicht flau. Macht nix. Weiter so! Ohren zu und durch! Muss arbeiten. Muss fleißig sein. Keine Lust und keine Zeit! Muss Kind versorgen. Muss Garten gießen. Muss Himalaja flugs besteigen.
Körper will nicht. Will Sonne spüren, essen, schlafen, lieben, tanzen, singen. Darf nicht. Ist festgewachsen am Besitzer. Hilft nix. Darf nicht. Muss mit. Daseinszweck. Horch! Hunger! Durst! Brauch Lebenslust! Sonst kaputt! Jetzt laut!
Besitzer hört nicht. Will nicht. Keine Lust. Und keine Zeit! Muss arbeiten.
Körper will nicht. Körper kann nicht. Grenze! Stopp! Stolpert. Bein kaputt.
Besitzer hört nicht. Keine Lust. Und keine Zeit. Muss arbeiten. Geht nicht. Bein kaputt. Tut weh! Ja, fühl, Besitzer! Fühlt nicht. Keine Lust. Und keine Zeit. Muss arbeiten. Muss Himalaja flugs besteigen.
Körper will nicht. Körper kann nicht. Schaltet aus. Fällt um. Bewusstlos. Dem Besitzer notentzogen. Körper heilt. Zeit. Was ist Zeit?
Besitzer da. Muss arbeiten. Arbeiten am stark Sein. Nicht umfallen. Nicht schwach sein. Arbeiten! Muss arbeiten! Muss fleißig sein!
Körper mag nicht. Körper kann nicht. Horch! Brauch Spielen, Sonne, Liebe, Lebenslust und Sehnsucht! Körper heilt. Zeit? Was ist Zeit?
Besitzer sagt, hab keine Zeit. Nur Unfug das! Muss arbeiten. Und fleißig sein. An mir. An dir. An dir vor allen Dingen!
Körper stutzt. Gehört? Wenn auch verneint? Dann weiter so? Die ganze Zeit? Brauch Licht und Luft und Träumen! Lebenslust! Vielleicht auch mal Salat? Gehört, mein Freund?
Besitzer sagt, hab keine Zeit. Nur Unfug das. Muss arbeiten. Muss fleißig sein. An mir. An dir. Sei stark! Und schweig! Hab für solches keine Zeit.
Körper weint. Geht mit zum Turnen, Therapie. Sogar zum großen Fachmann hin. Der misst und piekt und meint: Oje! Schlechter Zustand! Krank!
Körper weint. Ich sags dir doch schon lang! Horch zu! Ich weiß doch, was ich brauch. Du auch! Essen, schlafen, träumen, dann und wann. Und manchmal Wein und Tanz. Hör halt zu, wenn ich was sag! Dann kommt es nicht soweit! Dann sind wir Freunde du und ich. Bin treu und bleib bei dir. Nur horch auch bissle mal auf mich.
Besitzer schweigt. Und flieht.
Körper tobt! Jetzt schmerzt's. Muss mit zur Therapie. Will nicht! Er schreit! Und schmerzt dabei! Jetzt fühl, du Depp! Ich lass dich nie! Brauch alles! Essen, Luft und Lebenslust! Und Liebe! Her damit! Spür mich! Spür Dich! Hilf mir doch!
Besitzer will nicht. Schweigt. Seinen Körper mag er nicht. Muss arbeiten. Muss fleißig sein. An sich. An ihm. Hat keine Zeit. Schwachsein blöd! Nein! Nie!
Körper rast! Die Wut, die glüht! Will nicht zur Therapie! Will nicht zur Arbeit! Fleißig sein! Nein! Nie mehr! Nie mehr! Nie!
Besitzer zwingt. Der Körper brennt! Jetzt wird es gleich geschehen! Ich bring dich um! Dann platzt dein Herz! ...
Und hier blenden wir die Geschichte lieber aus, bevor es zu grauselig wird. Aber vielleicht kommen sich die beiden im letzten Moment, im Sonnenuntergang, im Angesicht des Todes (dramatische Musik!) doch noch näher? Wer weiß? Schön wär's schon.
Herzliche Grüße!
]]>"Sprich mit mir!" [ein verzweifelter Körper]
In dem Video sehe ich den Tangolehrer reden – sehr(!) viel(!) reden. Um ihn herum stehen andächtig lauschende Hirnbesitzer. Ein Großhirn spricht mit anderen Großhirnen. Das wäre auch adäquat, wenn kognitiv zu verarbeitende Inhalte zu vermitteln wären wie Mathematik oder „Wie wähle ich eine gute KfZ-Versicherung?“. (Meinetwegen auch ein Kochrezept, wobei auch hier der Verstand nur dienend fungieren sollte, so meine feste Überzeugung.)
Aber in dem Film geht es um Tangounterricht. Leider kann das Großhirn nicht tanzen – selbst wenn es wollte! Es kann denkend analysieren, bewerten, strategisch denken, abstrahieren und was weiß ich noch alles. Es kommuniziert und funktioniert via Sprache, die ja auch schon eine Abstraktion der Welt darstellt. Tanzen hingegen ist nicht sein Ressort.
Wer hier operativ zum Zuge kommt, ist der Körper mit seinen unwillkürlichen Steuerungsmechanismen. Wie bei allen Angelegenheiten, die einfach leiblich geschehen, vorausgesetzt, man lässt es zu, ohne die komplexen Ausbalancierungen durch Einmischung zu stören.
Wir betrachten hier zwei vollkommen verschiedene Funktionskreise: Das Willkürliche – also Verstand und Wille mit Sprache, Logik etc. – und den Körper, das Unwillkürliche (auf schlau „das Vegetativum“) plus das Unbewusste, zusammengefasst als das ES.
Georg Groddeck, quasi der „Psychosomatikerfinder“, stellte noch vor dem guten alten Freud seine Hypothese vom ES vor, die viel weiter gefasst war, als Freud, der den Begriff übernommen hatte (geklaut?), es tat. Er schreibt vom ES als Begriff für eine Arbeitshypothese, die nicht stimmen müsse, da nicht beweisbar, ihm aber bei seiner Arbeit mit Patienten helfe. Das gefällt mir sehr.
Laut Groddeck ist das ES eine Instanz, die lange vor dem Verstand, schon im Mutterleib, damit beginnt, Erfahrungen zu sammeln und diese in Bildern samt Gefühlen in einem riesigen Lager deponiert – und das für unseren logischen Verstand auf eine megachaotisch vernetzte – auch vielleicht peinlich archaische – Art und Weise. ES weiß alles, was du jemals erlebt hast. ES will dich beschützen, dir flüstern, was gut für Leib und Seele ist und was eben nicht. Und zwar genau jetzt, in diesem Moment. Planen ist nicht so dein Ding. Eher warnen, in Form eines gefühlten „Obacht! Nicht gut! Weg da!“.
Wo kämen wir denn da hin, wenn wir jede winzigste Durchführungsanordnung beim Atmen zum Beispiel bewusst steuern müssten? Oder beim simplen Gehen jeden einzelnen unserer Muskeln mit genauer Anweisung versorgen müssten? Weißt du, wie viel Magensäure genau dein Schnitzel – egal ob Tofu oder totes Kalb – braucht, um ordentlich zerlegt zu werden? (Ich befürchte, wir würden verhungern, ersticken, auf die Schnauze fallen, egal in welcher Reihenfolge.)
Ich bin sehr froh, dass wir in einem Alter laufen lernen, in dem der Verstand noch zu zart, zu wenig dominant daherkommt. So darf ES mit dem Körper einfach so lange in Ruhe untersuchen, wie das mit dem aufrechten Gang am besten funktioniert: Laufen, stolpern, hinfallen, aufstehen, nachjustieren, probieren, laufen, stolpern, hinfallen, hochunordentlich zum „da capo al fine“. (Gut, dass wir Atmen Lernen sehr viel schneller hinkriegen.)
Und dann, irgendwann, geht unser Körper sicher und stabil. Leib und Seele sind glücklich, und das Großhirn auch, weil es sich nicht drum zu kümmern braucht, und sich den Tätigkeiten seiner Stellenbeschreibung widmen darf. So einfach ist das.
Natürlich kann es für den Verstand eine hochspannende Sache sein, diese körperliche Tätigkeit zu analysieren! Ist ja ein teuflisch ausgefuchstes Konzept mit all den beteiligten Muskelketten, Stellreflexen, balanceerhaltenden Systemen und was noch alles dazugehört. Dennoch: Haben wir ein gewissen Alter erreicht, läuft unser Körper. Einfach so. Er ist in dieser Branche der zuständige Meister im operativen Bereich.
Auch die Atmung lässt sich vortrefflich analysieren. Immer noch staune ich, was unser Körper da so alles – ganz alleine – hinkriegt! (Das nennt man dann „Das Unbewusste mit dem Bewussten synchronisieren“.) Er lässt nebenher unser Herz schlagen, schickt Blut in alle Winkel, das Immunsystem macht Erreger und kranke Zellen platt, koordiniert Stoffwechsel und hormonelles System und schickt Spannungsimpulse in unsere Muskulatur – dosiert situationsangepasst (aus der Sicht des ES), z.B. die Atemfrequenz, Puls und Muskelspannung.
Und genau an solchen messbaren Reaktionen und an der Körpersprache mit Mimik, Gestik kann man wunderbar erkennen, ob ein Körper, ein ES, sich wohlfühlt – oder eben nicht. Das nennt man in der Psychotherapie „somatische Marker“.
Manchmal mag ein Körper auch nicht so deutlich sprechen, dann spüren wir vielleicht nur ein diffuses Unbehagen. Wo sich selbiges zeigt, ist hochindividuell. Maja Storch (Psychologin) vergleicht das ES mit einem inneren Strudelwurm, der „Hmpf“ sagt, wenn ihm etwas nicht passt und seinen Besitzer vom Unbekömmlichen wegdirigieren will.
Leider sehe ich in den letzten Jahren immer mehr unglückliche Körper, die von ihrem Besitzer zum Tango getragen werden, deren somatische Marker laut schreien „Das ist doch scheiße , was du da von mir verlangst! Ich will das nicht!“.
Dennoch kann man als Tanzpartner – mit manchen Körpern zumindest – verhandeln. Vorausgesetzt, man spricht mit dem eigenen leiblichen Unwillkürlichen zum anderen: „Ich will dir nix tun, alles ist sicher, ich halt dich, ich lass dich gut aussehen, wir machen uns eine schöne Zeit miteinand, ich hör dir zu... Was brauchst du, lieber anderer Körper, dass es dir gut geht? Dass du dich deinen Fähigkeiten entsprechend schön und wohlig bewegen kannst?“ (grobe Übersetzung). Dazu muss man mit dem eigenen „Leib und Seele Komplex“ und kreativer Bildersprache allerdings schon ein bissele vertaut sein.
Das funktioniert! Nicht nur bei Normalos, sondern gerade auch bei Menschen, deren Bewusstsein nach einem Hirndefekt nicht so ganz greifbar ist. Wachkomapatienten zum Beispiel haben einfach keine andere „Sprache“ zur Verfügung als die somatischen Marker, manchmal auch keine sprachverarbeitenden Abteilungen im Hirn, die ihnen den Sinn dieser eigenartigen Laute entschlüsseln könnten.
Sogar mit Menschen, die im „Syndrom reaktionsloser Wachheit (UWS – unresponsive wakefulness Syndrom)“ feststecken, ist Tangotanzen nicht nur möglich – Ich wage sogar zu behaupten: heilsam! Ich habe als Krankenschwester mehrere solcher Patienten erlebt. Sie waren in ihrem „Leben davor“ leidenschaftlich Tanzende. Für Tänzer ist der Tanz eine Sprache, ein lebenswichtiges Ausdrucksmittel, auch wenn sie nur noch sehr minimalistisch praktiziert werden kann. Und sie waren sehr glücklich, sich so ausdrücken zu dürfen und auch gehört und verstanden zu werden. Zusätzlich zum Vegetativsprech, der ja in seinem Vokabular doch ein wenig eingeschränkt ist.
Tangotanzen geschieht, wenn man Leib und Seele nicht stört. Tangotanzen kann man nicht „machen“. Wie Schlafen, das kann man auch nicht „machen“: Das Großhirn kann nur die äußerlichen Bedingungen überwachen und steuern, wie den Körper rechtzeitig ins Bett schicken, Licht und Handy aus, Lüften, solche Dinge eben. Das Einschlafen an sich geschieht mit uns. Mit dem Sex ist es genauso.
Um Tango zu tanzen und zu lernen, muss man meiner festen Überzeugung nach mit dem Körper des Aspiranten sprechen. Warum sollte man auch die ganzen Informationen, die für das ES, für Leib und Seele bestimmt sind, an das Großhirn adressieren? Das kann nix damit anfangen und analysiert in seiner Verzweiflung den Tango zu Tode.
Wir haben es nun mal mit zwei völlig verschiedenen Funktionskreisen zu tun – Bewusstsein und das ES – die auch noch verschiedene Sprachen sprechen. Dabei ist keiner höherwertiger als der andere, aber wenn wir als Bewegungslehrende, welcher Art auch immer, mit der Instanz sprechen, die eben nicht zuständig ist, erzielen die Schüler keine wirklichen Erfolge. Sie „machen“ das, was das Hirn des Lehrers von ihnen will, statt zu lernen, Bewegung geschehen zu lassen. Und so sieht es halt dann auch aus.
„Geschieht“ eine Bewegung, wie es für den Körper am besten ist, nicht so, wie es das Großhirn meint, wird selbige automatisch entspannter, organischer und damit eleganter.
Sprechen wir dagegen auf der Leib-und-Seele-Ebene, darf der Körper lernen. Und das ES ist sehr viel zufriedener, funkt nicht mit fiesen Verspannungen hinein in den Tanz, der gerade friedlich vor sich hin wächst.
Ein vom Großhirn gegen seine Bestimmung zum Tangounterricht zitierter Körper („Wir müssen jetzt endlich was für unsere Ehe tun!“ oder ähnliches) wird sich immer wehren. Und manchmal frage ich mich, warum der Körperbesitzer für selbigen keine bekömmlichere Bewegungsform findet, bevor er sich via Verletzung aus der Gefahrenzone befreit.
Zusätzlich befürchte ich, dass gerade diese Menschen so sehr an den Lippen ihres Tangolehrers hängen. Großhirne sind bekannt dafür, sich Sachverhalte so hinzuargumentieren, dass sie erfolgreich verdrängen können, dass ihr Körper Tanzen für einen unbekömmlichen Schmarrn hält. Dummerweise hat das Bewusstsein die Regentschaft übers Portemonnaie und die Entscheidung, Kursgebühren zu entrichten.
Konkret bedeutet das meiner Meinung nach, fruchtbarer Tangounterricht besteht vornehmlich aus Tangotanzen. Tangotanzen. Tangotanzen.
Als Anleitender kann man bei den Tanzenden durchaus Korrekturen anbringen in Form von Berührungen und Bildern, „berührenden Bildern“ eben. Eric Franklin, ein Choreograf und Bewegungspädagoge, ist darin ein Meister. Die Kunst besteht darin, diese Bilder im Lernenden so am Großhirn vorbei zu schleusen, das sie nicht in Frage gestellt oder als peinlich verworfen werden. So ein Bild muss (!) sich gut und stimmig anfühlen, dann verweist es auf eine Ressource, die schon im Schüler wohnt und genutzt werden kann. Ist es das richtige Bild, zeigen das die somatischen Marker: ein seliges Lächeln, Entspanntheit, Puls und Atemfrequenz sinken auf Relax-Niveau. Die Balance verbessert sich so nach und nach automatisch.
An Bildideen kann wirklich alles mögliche dabei sein: vom Tiger über eine dickarschige Jazzsängerin bis zu Wasserfall, Waldesduft, Schwarzwälderkirsch. Es darf gelacht werden, je spielerischer, desto besser. (Ist Tanzen nicht sowieso ein Spielart von Spielen?) Im Psychotherapeutensprech nennt man diesen Vorgang Embodiment.
Gerade bei Männern, die plötzlich „jetzt aber mal g'scheit führen sollen“, erlebe ich oft enormen Stress. Sie sollen (oder wollen?) den Tango „machen“, fühlen sich verantwortlich für alles, was im Paar geschieht, wollen nicht langweilen. Dabei ist Tanzen Kommunikation – beim Tango zwischen zwei Menschen für drei mal drei Minuten. Ungefähr. Und für ein Gespräch, auch ein Leib-und-Seele-Gespräch, sind beide verantwortlich. Auch das sogenannte „Folgen“ ist ein aktiver, tänzerischer Prozess, der mit einer neuen Idee antwortet. Darum ist es auch so lohnend, sich als Anfänger gleich welchen Geschlechts mit guten Tänzern (auch egal welchen Geschlechts) auf die Fläche zu wagen. Die beherrschen diese Leib-und-Seele-Sprache nämlich hervorragend. Und genau die gilt es zu lernen, will man ein superguter Tänzer werden. Gilt für Tänzerinnen natürlich genauso.
Da könnte sogar ein Tangolehrer zum Äußersten greifen und mal mit Lernenden tanzen. Ich weiß, das ist vermessen. Pardon.
Das Großhirn möcht natürlich nicht vernachlässigt werden: Tangogeschichte oder ähnliches sind nettes Futter, wenn sich der Körper mal ausruhen möchte. Für Fortgeschrittene können später auch mal Bewegungsanalysen mit eingestreut werden, aber bitte erst, wenn es den Körper beim Bewegungen Lernen nicht mehr stört. Solche Informationen für den Verstand sind oft interessant, verbessern aber das Tanzen an sich kein bisschen. (Ich tanze seit 47 Jahren und habe diverse Lehrkonzepte in verschiedenen Tanzrichtungen als User testen dürfen.)
Für wen welche Musik „zu schwierig“ ist, welche Klänge ein fremdes ES entzücken, kann ein Tangolehrer nicht beurteilen. (Als ich mit Tango begann, hatte ich schon jahrelange Hörerfahrung mit fiesen Bebop-Klängen ;)
Musik spricht idealerweise mit dem Unbewussten. Dann sind wir berührt, oder werden sentimental oder was auch immer. Lernziel: Die Musik fühlen! Wie fühlt sich eine Phrasierung an? (Statt: Wie zählt man sie?) Wie atmet die Musik? Dann erwischt man füher oder später auch die Eins.
Wie wäre es, verschiedenste Stücke im Unterricht aufzulegen und zu schauen, was die Lernenden inspiriert? Ausprobieren? Somatische Marker checken?
Ich meine nicht, dass „Welpenschutz“ vonnöten ist. Viel wichtiger finde ich es, beizubringen, wie man herausfinden, nein, eher herausfühlen kann, welche Musik den Körper erfreut und zum Tanzen inspiriert. Neben der Tatsache, dass das sowohl hochindividuell als auch tagesformabhängig daherkommt.
Und dass kein Blitz vom Himmel herabfährt, wenn ein Tangoschüler merkt, dass sein Körper am liebsten tangotanzend zu schwülen Jazzklängen schwoft. Wird dann halt a bissele schwierig mit der Umsetzung auf den Milongas. Aber eine Möglichkeit finden, um genau das tun zu dürfen, ist jetzt wirklich ein prima Aufgabe für das Großhirn. Dann ist der ganze Mensch zufrieden. So ganzheitlich. Mit Leib und Hirn und Seele. Oder?
Herzliche Grüße!
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Zugegeben, es ist nicht ganz einfach: Knetmasse ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Früher, in meiner Kinderzeit, kam sie noch wesentlich wesensfester daher. Man musste ordentlich arbeiten, um sie formbar zu bekommen. Geduld (oder warmes Wasser, Heizung o.ä.) war gefragt. Dafür behielt sie - nach Abkühlung - ihre endgültige Werkform zuverlässig bei. Die kinderhandfreundliche Textur heute verlangt Zwischenaufenthalte im Kühlschrank, um die stabile Knochenform samt Hallux valgus darzustellen. Aber ich meine, das geht schon...
Lass uns anfangen!
Wir beginnen mit den Zehen.
Die Gelenke ignorieren wir einfach und formen vier dünnere und ein a bissle dickeres Würstle (im Bild hell dargestellt, eh klar, oder?). Orientiere dich größenmäßig an deinen eigenen Zehen. Beachte dabei, dass die Grundgelenke unter dem Ballen weiter hinten Richtung Ferse liegen, als man vermutet. Fasse unter deinen Ballen, wackle mit den Zehen und fühle, wo sie an die Mittelfußknochen anschließen.
Die Mittelfußknochen formst du ein wenig dicker und länger. Ertaste die Gesellen am Eigenfuß: Sie reichen von den Zehengrundgelenken bis zur Fußwurzel, mit deren Anteilen sie verbunden sind.
Die Fußwurzelknochen erlauben wir uns als Block darzustellen. Im echten Leben sind auch diese Knöchelchen untereinander ein bissele beweglich, was wir im Versteh-Modell vernachlässigen.
Dann brauchst du noch eine Ferse - einen Kneteknubbel ungefähr so wie im folgenden Bild - und ein Sprunggelenksschüsselchen (im folgenden Bild dort, wo die drei grünen Pfeile aufeinander treffen) - beide natürlich gnadenlos vereinfacht. Es geht um die Statik, nicht um anatomische Mückenfürze.

Dann setze die Bauteile zu einem hübschen Fußlängsgewölbe zusammen.
Willst du dein Modell fleißarbeitisch optimieren, gönne ihm auch ein Quergewölbe, indem du die Mittelfußknochen leicht bogenförmig anordnest. So haben die mittleren Zehengrundgelenke weniger Bodenkontakt als die äußeren.
Das Quergewölbe kannst du aber auch gern weglassen, wie ich in Bild 1. Für die Halluxbastelung wird selbiges eh als Erstes entfernt. (Am Lebendfuß wäre das der berühmte Spreizfuß, häufig mit Ballenschmerzen oder Hornhaut respektive Hühneraugen im mittleren Bereich. Manche Senkfüße sind einfach so und machen gar keine Beschwerden.)
Im folgenden Bild stellt die Ballerina das Schienbein dar. (Leider habe ich nicht mehr genug Knetmasse.) Aber ich finde, sie zeigt uns recht anschaulich, dass die Kraftlinie des gesunden Geläufs über den Zeigezeh zum Boden läuft. Sie steht fein zentriert mittig im Sprunggelenk.
Falls du eines beim Normalfuß eingebaut hast, raus damit, du Streber!
Ich habe Ballerina Golondrina gebeten, mehr Gewicht auf den Innenrand ihrer Schale zu bringen. Das wäre ungefähr dort, wo sich dein Innenknöchel befindet. So bekommen wir eine satte Überbelastung des Großzehengrundgelenks, genau da, wo wir den Hallux valgus haben möchten.
Wie du diese Innenknickung in vivo (am Echtfuß) gebacken bekommst, bleibt dir überlassen - da gibt es zahlreiche Möglichkeiten:
Du könntest zum Beispiel dein Längsgewölbe platt machen, indem du deinen Füßen und den Muskeln am Unterschenkel auf keinen Fall und niemals nicht Trainingsmöglichkeiten bietest (dazu mehr im Folgeartikel). Oder du drehst deine Fußspitzen konsequent beim Gehen und Stehen nach außen wie eine Ballerina oder Ente. Streckst du deinen Bauch dazu ein bissel raus, kannst du gut spüren, dass die Überbelastung zuverlässig am Großzehengrundgelenk ankommt. Weitere Möglichkeiten wären X-Beine (Knie zusammen auch beim Gehen), der Versuch, klein und niedlich zu wirken oder eine depressiv gestimmte Körperhaltung. Probier's aus! Und bleib dran, das geht nicht von heut auf morgen.
Unsere Füße können diesen Zustand über einen längeren Zeitraum ganz gut kompensieren. Drum nehmen wir einen weiteren Aspekt dazu: enge, spitze Schuhe. Da wir an einem Verständnis-Modell arbeiten, ist hier selbstverständlich alles überspitzt dargestellt.
Was bleibt dem großen Zeh nun anderes übrig, als sich wenig wohlig an die Innenseiten des Schuhs "anzuschmiegen"? Seine Brüder können so gequetscht auch weniger vom Gewicht übernehmen, das von oben kommt - vor allem dann, wenn du auf diesen Fuß draufsteigst, was sich schon beim normalen Gehen kaum vermeiden lässt. Geschweige denn beim Tangotanzen, wo du das Gewicht tendenziell eh mehr Richtung Ballen verlagerst. Das Quergewölbe möchte doch so gerne ein wenig auseinander gleiten! Das verhindert eine solch schicke Pfotenumhüllung gewiss.
Bleibt der Druck auf unsere Hallux-Wuchsstelle bestehen, sieht die Großzehenwurzel keine andere Möglichkeit mehr, als sich einen Schutzhelm wachsen zu lassen. Und schon haben wir den berühmten, schnell und simpel zu diagnsotizierenden Halluxknubbel entwickelt! Da freut sich das Orthopädenherz!
Eine für unsere Zwecke sehr nützliche Folge ist die Verlagerung der Sehne am Fußrücken, die den Daumenzeh bedient. (Dafür ist der Halluxknubbel nicht zwingend nötig, wirkt aber spektakulärer.)
So verlaufen die Sehnen zu den Fußhebermuskeln normalerweise:
Von den Zehen über die den zugehörigen Mittelfußknochen über den Knöchelbereich nach oben zu den Muskeln, welche den Gesamtfuß anheben - hübsch geordnet und funktionell.
Witscht der Daumenzeh am Grundgelenk aus,ändert sein Seilzug den Verlauf und wirkt mit seiner Zugkraft eher wie eine Bogensehne, die unser pathologisches Ansinnen bestens unterstützt.
Es gibt noch eine sehr wirkungsvolle Methode, um unseren Hallux zu pflegen und zu weiterem Wachstum anzustacheln: ein hoher Absatz! Je höher, desto besser! (Im folgenden Bild durch ein kopfstehendes Wasserglas dargestellt)
Hurra! Die Belastung am Großzehengrundgelenk kommt nicht mehr nur uneffektiv schräg, sondern gut ausgerichtet, mit richtig viel Druck von oben. Sehr wirksam! Unsere Ballerina zeigt dir im nächsten Bild mittels Zahnstocher, wie sich die Belastung durch den Mittelfußknochen direkt an unseren Wunschort - ins Großzehengrundgelenk - versenken lässt:
Um die Halluxbastelung perfekt zu gestalten, kannst du den Knubbel - optimalerweise mit roter Knete - noch (bzw. wieder) dranpappen. Weißt ja jetzt, wo.
Fertig! Mission erfolgreich erledigt! War doch gar nicht so schwierig, oder?
Natürlich darfst du selber experimentieren: Die Schritte vertauschen, einzelne auslassen und dafür andere verstärken, verschiedene Absatzhöhen ausprobieren, neue Innenbelastungsszenarien am Knöchel entwickeln... Ganz wie's beliebt, sei kreativ - Hauptsache, du kriegst eine richtig heftige Überbelastung am Großzehengrundgelenk zustande.
Nur eine abschließende Bitte: Nutze dafür statt deiner eigenen Füße das Modell aus Knete!
Und im nächsten Artikel untersuchen wir die Angelegenheit quasi rückwärts:
Dieser Text ist quasi ein Bonuszuckerl zu meinem Buch "Das Konzept Fuß: Fußprobleme verstehen, bearbeiten und lösen (ein unideologisches Buch für normale Fußbenutzer)"
]]>Dieser Artikel ist erstmals am 11. April 2018 am alten Blog-Wohnort erschienen: http://im-prinzip-tango.blogspot.com/2018/04/wir-basteln-einen-hallux-valgus.html
So beginnt der Artikel mit dem schönen Titel "Lancet-Studie: Rutsch mir den Buckel runter".
Er fasst eine Serie aus einer der ältesten medizinischen Fachzeitschriften (The Lancet) zusammen, die den Ärzten den Umgang mit "Ich hab' Rücken"-Patienten erklärt.
Jeder hat mal "Rücken" - tiefe, unspezifische Schmerzen im Kreuzbereich. Daran ist erstmal nichts Ungewöhnliches, und vielleicht verschwinden sie wieder von selber. Manchmal nicht, dann gehen die Rückenproblematiker zum Arzt, der sie meist erstmal durch die bildgebende Diagnosemaschinerie schickt.
In eher seltenen Fällen ist das Ergebnis gleich null: keine Ursache nachzuweisen. Dann sind sowohl Patient als auch Arzt ein bissele verzweifelt: Wo nix ist, kann nix weh tun? Nur Einbildung? Die Angst, als "Psycho" abgestempelt zu werden, ist nicht ganz unberechtigt. So ein Patient ist "lästig", genervt von den anhaltenden Problemen wünscht er sich dringend Linderung. Er wird das Gespräch suchen, um Lösungen zu zu finden. Das kostet Zeit. Und das Wartezimmer ist doch voll!
Irgendwas lässt sich aber trotzdem meistens aufspüren. Ob das Befundbild in tatsächlich in ursächlichem Zusammenhang mit dem Beschwerdebild steht? Wird nicht oft laut gesagt: Aber nix genaues weiß man nicht. Es gibt Studien, in denen schmerzfreie(!), mittelalte Personen Bandscheibenvorfälle zeigten, bei denen sie vor Schmerzen plärren müssten. Trotzdem wird die gesehene "Ursache" gerne operativ beseitigt.
Klar, in einigen Fällen ist es dringend nötig zu handeln. Es ist immens wichtig festzustellen, ob eine ernsthafte Erkrankung dahinter steckt, um gegebenenfalls geschwind zu reagieren. Die Ärzteschaft nennt das "Red Flags". Wir Heilpraktiker begnügen uns altmodisch mit "Notfall".
Zum Beipiel könnten Brüche in der Wirbelsäule sitzen oder Tumoren. Quetscht ein Bandscheibenvorfall das untere Rückenmark zu sehr, kann es zu Lähmungen kommen, fallweise kombiniert mit Inkontinenz und massiven Sensibilitätsstörungen - ein akutes Notfallgeschehen, bei dem sofortige operative Entlastung des Rückenmarks angezeigt ist, um Spätschäden zu verhindern. Oder weisen die Schmerzen auf eine rheumatische Erkrankung hin, die sich in der Wirbelsäule breit macht?
schreibt Joachim Sieper, Rheumatologe an der Charité-Universitätsmedizin Berlin und einer der Autoren des ersten Lancet-Beitrags.
Echt? Aber die haben doch studiert?
Könnte ein Heilpraktiker-Anwärter diese Zeichen nicht aufzählen, würde er durch die Prüfung rasseln. So weit von der Realität entfernt - wie man naiverweise annehmen könnte - sind solche Forderungen leider nicht:
Eine Patientin leidet über ein Jahr an heftigen Kreuzschmerzen, bis sie doch einmal auch gynäkologisch abgeklärt wird. Die dicke Eierstockzyste wurde entfernt. Und damit die Rückenproblematik.
Weniger glücklich im Ausgang der Fall einer anderen Dame, Brustkrebspatientin: einige Jahre nach Entdeckung, OP, Bestrahlung und Chemo folgen Kreuzschmerzen. Auf die Idee, nach Metastasen in der Wirbelsäule zu suchen kam ihr Orthopäde nicht. Diese wurden erst entdeckt, als schon final palliativ versorgt wurde.
(Beide waren mir näher bekannt, nicht meine Patientinnen.)
fordert Sieper. Anfassen... Ja, puh, anfassen, das ist schon harter Stoff.
Und ich meine, nicht nur den Rücken. Auch die Füße und das Becken und das ganze Gestell. Muskel-Faszienverhärtungen - meiner Erfahrung nach eine sehr häufige Ursache - sind halt leider nur zu ertasten. Mit den Fingern am Patienten.
Man könnte den Patienten konkret nach Stürzen fragen. Senioren halten sich da gerne schamhaft bedeckt ;) Auch eine chronische Verstopfung kann mal fies am Kreuz ziehen. Morgensteifigkeit, Erschöpfung? Schlaf? Blutbild? Rheuma? Vorerkrankungen (siehe Brustkrebs)? Chronische Lungenerkrankung oder Beatmung? Dabei wird die Atemhilfsmuskulatur stark beansprucht, der Schultergürtel kommt dann fast immer recht verspannt daher und beeinflusst die Etage tiefer - den Kreuzbereich - meist unangenehm mit.
Welche Belastungen muss genau dieser Rücken des Patienten vor mir aushalten? Was arbeitet dieser Mensch überhaupt? Und wie? Wie liegt, sitzt, geht er? Welche und wie viele Bewegungsmuster hat er in petto? Will er sich überhaupt gerne bewegen? Oder lieber gar nicht wegen Unlust, Schwindel, Sturzangst, Herzschwäche...? Was hat er schon versucht, um die Schmerzen zu reduzieren? Sonstige Belastungen seelischer Art? Familiär (Stichworte "pflegende Angehörige", Scheidung o.ä.)? Im Beruf?
Das ist nur eine kleine Auswahl an möglichen Fragen.
Oft ist die Schmerzmittelverordnung das (ärztliche) Mittel der Wahl. Werden die "User" gut angeleitet, aufgeklärt und begleitet und ist die Einnahmedauer begrenzt, ist dagegen nichts einzuwenden. Aber auch hier sehe ich in der Praxis nicht selten Defizite. Ja, manche Schmerzmittel gehen auf den Magen, sagen die Patienten. Aber dafür bekämen sie ja Magenschutz. Dass die Magenschutztabletten auf Dauer zu einer Anämie führen können, hören manche zum ersten Mal (weniger Magensäure, weniger Eisenaufnahme aus der Nahrung). Ibuprofen und Pantoprazol sind ohne Rezept in den Apotheken erhältlich und werden manchmal über Jahre (!) hinweg konsumiert. Wissen die Hausärzte das? Wie viele Ärzte wagen die Frage bezüglich Schmerzmittelkonsum, vielleicht sogar Abhängigkeit? Und sehr viel stärker wirksame Opiate? Die machen abhängig. Kann unter Umständen palliativ in Kauf genommen werden, vorausgesetzt, die Betreuung stimmt. Die Krankenkassen würden sogar das fast immer nötige Abführmittel (z.B. Movicol) bezahlen. Dazu müsste es aber rezeptiert werden. Und der User dürfte schon informiert sein, dass sich sein Darm gerne mit schlafen legt. Und haben sie schon mal eine Mittachzigerin auf Cold Turkey erlebt?
Wenn operiert wird, vermisse ich oft Vorschläge, was der Patient nachher tun kann, dass es nicht wieder schlimm wird: also die Arbeit an den Voraussetzungen, die zum Schaden geführt haben.
Ich finde, es grenzt an Satire, wenn die Empfehlung in der Studie lautet, die Patienten eben nicht "passiven Behandlungsmaßnahmen" zuzuführen. Sie würden so in eine Art "Opferrolle" geschoben. Konkret genannt wird hier unter anderem Massage, die meiner Erfahrung nach bei Verspannungsrückenschmerz meist hilft. Zudem kann sie den Patienten befähigen, wieder mühelose Bewegungsmuster auszuführen, wenn's weniger klemmt. Fällt Physiotherapie auch darunter? Ist "Bewegungsschulung" egal ob von Heilpraktikern oder Krankengymnastik "passiv"? Oder nicht eher die geforderte "Bestätigung der Selbstwirksamkeit" ?
Zu guter Letzt schenke ich den "Halbgöttern in Weiß" noch eine Frage, zu stellen an den Patienten mit Kreuzschmerzen: "Wo genau tut's weh?". Sie werden überrascht an sein, wie verschieden und unglaublich "das Kreuz" verortet wird. Und wenn's in der Brustwirbelsäule der alten Damen sitzt, das Kreuz, wär's prima, wenn nur der BH dauerdrückend Schmerzen bereitet. Besser als ein Herzinfarkt...
Herzliche Grüße,Quelle: http://news.doccheck.com/de/211787/lancet-studie-rutsch-mir-den-buckel-runter/
]]>| Eins? Zwei? Drei? Nein, VIELE! |
Jetzt ist es schon wieder passiert: Ein Schublädle meines Küchenschranks klemmt. Das nervt!
Und warum? Weil er halt doch als altes Gelumpe endlich ausgetauscht gehört gegen einen neuen? Oder liegt's am Wetter? Hat die schwül-feuchte Luft das Holz verzogen? Steht eine Schraube heraus, über das ihr zugedachte Level? Oder haben sich die Hausgeister strafenden Schabernack ausgedacht? Jaja, es wär schon mal wieder Zeit zum Putzen...
Aber nein: Der Monster-Schöpflöffel, der Seelentröster-Suppe in Vorratsbehälter befördern soll, hat es gewagt, sich aus seiner genau kalkulierten Position herauszuwackeln! Der Schuft streckt frech seinen Stiel wie die Winkekatze ihren Winkearm und bremst den Lauf der Lade!
Ein wenig rütteln und schütteln, reingreifen und reponieren. Ursache samt Wirkung gefunden. Ursache beseitigt. Problem gelöst! Basta cosí!?
Ein verführerischer Ansatz: DAS Problem definieren und DIE entsprechende Problemlösungs-Maßnahme formulieren. Ein Problem, eine Maßnahme. Das Ziel dabei ist klar, gell? Die "Krankheit" heilen. Ganz simpel und in ihrer nüchternen Eleganz einfach zu verkaufen?
Menschen mit ihrer ganzen in die Wiege gelegten Komplexität neigen gerne dazu. Also die meisten, die ich kenne. Eigentlich alle. Irgendwie.
Ergibt sich dann eine Frage der Kategorie "Was machst du so als Heilpraktikerin gegen..." [setze ein chronisches, möglichst diffues Krankheitsbild nach Wahl ein, z.B. Bluthochdruck], kann ich - im Gegensatz zu manchen Kollegen - fast nie eine simple Antwort präsentieren. Blöd!
mag eine gewisse Klientel halt gar nicht hören. Zu persönlich. Zu kompliziert. Zu schwierig?
"Therapie XY! Methode Z! Medikament Soundso!"wäre in diesen Fällen besser für's Geschäft.
Deckt sich aber halt gar nicht mit meiner Sicht der Welt und des Lebens und überhaupts. Dass die Welt kompliziert ist, gibt inzwischen sogar ein Seehofer zu.
Es heißt ja auch in gewissen Kreisen "Mensch zu sein wird immer komplizierter. Es wird Zeit, Einhorn zu sein."
Ist das wirklich die Lösung? Ich sehe da doch so manches Problem, zum Beispiel beim Autofahren oder Schuhe kaufen...
Die Bredouille, eben kein Patentrezept liefern zu können, beschreibt Bloggerkollege Gerhard Riedl tangobezogen. Gugschduda: http://milongafuehrer.blogspot.de/2018/05/liebes-tagebuch-50.html
Und umgekehrt: Bei "Nach welcher Methode arbeitest du?" könnte man mit Paul Watzlawick kontern: "Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel."
Recht hat er! Ein schatzkistiger Werkzeugkoffer eröffnet weitaus mehr Möglichkeiten - vor allem langfristige und nachhaltige Wege fort vom Dilemma. Das dauert seine Zeit. Aber mit dem Problembau bist ja auch nicht erst seit gestern beschäftigt. Viele Komponenten - interne und externe - waren dazu nötig. Die mögen, wenn's geht, eine nach der anderen bearbeitet werden.
Dafür hast du das Problem mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann in Griff und kommst (ggf. mit minimal-heilpraktischer Unterstützung) selber damit klar. In einigen Fällen stehen die Chancen wirklich gut, dass du die Schwierigkeiten komplett los wirst.
Wir Menschen sind halt keine Schubladen, in denen sich Schöpfkellen verklemmen. Selbst wenn sich ein Gelenk "verklemmt", hat das mehr als einen Grund: Du benutzt selbiges im Ganzkörperverbund, das geht gar nicht anders. Auch wenn du die Stelle operieren lässt, aber nichts an den Grundvoraussetzungen änderst, wird sich DAS PROBLEM wieder manifestieren.
Drum muss meine Schöpfkelle umziehen. Grundvoraussetzungen ändern. Raus aus dem Schublädle, das sie höchstwahrscheinlich bald wieder sperren würde. Und sicherheitshalber stelle ich den Hausgeistern noch ein Stückerl Kuchen hin...
Herzliche Grüße,Willst du nicht von einem Sattelschlepper überfahren werden, nutzt es nix, dessen Existenz einfach zu leugnen. Bist du dir der Gefahr bewusst, siehst du ihn und kannst rechtzeitig ausweichen. Oder den Fahrer zu einer Tasse Kaffee einladen. Du hast dann die Wahl.
Da ich dich ja immer wieder mutwillig anstifte, dir eine eigene Meinung zu bilden, will ich dir die Risiken nicht verschweigen. Für Jules Seelenfrieden ist es leider schon zu spät. Ich hoffe, sie konnte das Trauma verarbeiten.

Ob das tote Tiere sind oder nach Jahrzehnten das wahre Gesicht hinter einer Maske, ist egal. Noch unangenehmer wird's, wenn die eigenen Sich-in-die-Tasche-Schwindeleien aus der Kitteltasche spähen, forsch in dein Blickfeld krabbeln und am liebgewonnenen Selbstbild kratzen. Da klemmt sich der kleine Nervenzusammenbruch schon mal an den Startblock. Und grinst.
Willst du diesen Aspekt einmal richtig auskosten, dann lies einen Vertrag und stelle Fragen, wenn du etwas nicht verstehst, fordere Erklärungen, BEVOR du unterschreibst! Funktioniert fein bei Finanzberatern oder beim Formularkrieg vor einem medizinischen Eingriff.
Erläuterungen kosten schließlich Zeit! Und Zeit ist Geld. Das gehört zum Grundwissen der Finanzjongleure und Ärzte.
Nicht nur die Zeit, die Nerven (und das Geld) der anderen strapazierst du, wenn du dein Hirn nutzt - auch musst du investieren. Echt unbequem: recherchieren, Konzentration aufbringen, schwierige Sachverhalte verstehen, sammeln, abwägen und dann noch entscheiden! Zu deiner Wahl stehen, deine Meinung vertreten. Vielleicht sogar ins Handeln kommen? Puh!
Ziehst du das wirklich durch, hast du gute Chancen für arrogant und/oder unbelehrbar gehalten zu werden, ein Spinner halt. "Alles Idioten außer dir, oder?" Keiner wird dich mehr mögen. Wer will das schon? Du wirst für andere gefährlich! Echt!
Simple Gründe:
Sätze wie "Haben wir immer schon so gemacht!", "Alle sagen das!" oder die "wirklich genau und total authentische so wie in Buenos Aires"-Milonga beeindrucken dich nicht mehr. Wenn's bei diesen Begründungen bleibt. Vielleicht beschließt du sogar, ein paar Regeln gar nicht mehr zu befolgen - einfach, weil du keinen Sinn darin erkennen kannst. Und weil es aus deiner Sicht niemand anderem schadet.
Oder du stürzt in tiefste Verwirrung! Vielleicht willst du dich ja an eine bestimmte Norm halten, verstehst aber leider nicht, was man genau von dir möchte.
Vorsicht Falle! Die genaue Definition des erwünschten Verhaltens kann oder will dir dein Gegenüber nicht geben. "Eheleute müssen halt Kompromisse schließen" bedeutet in manchen Familien, dass sich die Ehefrau den verschiedensten Launen ihres Götter(?)gatten unterwirft oder seinen wechselnden Plänen bedingungslos folgt - wenn's sein muss im Zickzack. Ihre "Familienkompatibilität" wird so in eine nicht greifbare Schwammigkeit hineinversteckt. Die genaue Definition kann nicht gefunden werden, weil es keine Feststehende gibt! Da kann sich die Eigenhirnnutzerin noch so anstrengen! Keine Chance!
Der Stempel "Regelverletzer, zwanghaft" ist dir bald sicher! Ich verrate dir ein Geheimnis: Manche Menschen meinen, wenn du EINE Regel brichst und die andere "nur" in Frage stellst, musst du Anarchist sein und willst dich an überhaupt keine Normen oder Gesetze halten.
Und wer sich nicht an die Vorschriften hält, gefährdet die Horde.Regelverletzer sind für manche Gruppen nicht tragbar. Sie gefährden den Frieden und die Harmonie. Manchmal auch Machtpositionen. Die anderen Mitglieder könnten sich infizieren, nicht mehr integer sein, anfangen mit Nachfragen, Nachdenken! Wo soll das denn hinführen? Wie soll da die "korrekte Einordnung" (korrekte Einnordung?) sichergestellt werden?
Dann wird du als Selberdenkerin erst mal belehrt. Die Gruppe probiert, dich zu den richtigen Werten zurückzuführen. Gell? Sträubst du dich gar widerborstig, dich re-bekehren zu lassen, wird gerne ein externer Verursacher gesucht. Du bist ja nur eine Frau und finanziell oder sonstwie abhängig. Die Horde wird dann versuchen, dich zu isolieren: damit du den bösen Einflüsterungen entgehst. Dich im süßen Schoß der Gruppe wiegen, damit du dich wieder beruhigst und Ruhe gibst. Wehrst du dich immer noch - zu Recht, wie du meinst - schmeißen sie dich raus. Schweigen, Feierabend. Allein. Einsam.
Mit männlichen Eigenhirnnutzern gehen Rudel oft nicht so zimperlich um: kurz kämpfen - am besten blutig, unter der Gürtellinie, Sachvervalte irrelevant, dann Rausschmiss. Anschließend sattes Nachtreten, ein bissel namenlos, ein bissel unsichtbar, ein bissel schmutzig. Treffsicher? Im Namen der Horde, nur drauf auf den Nestbeschmutzer! Büßen soll er! In alle Ewigkeit! Allein. Einsam.
Ausreichend selberdenkende Sturheit vorausgesetzt, ist dir die Exgruppifizierung respektive Entfamilisierung sicher. Scheiterhaufen sind aus der Mode, außerdem illegal. Und geschiedene Frauen dürfen einen Führerschein haben, sogar arbeiten gehen. Ist das nicht cool?
Willst du allerdings als Mittvierziger(in) oder so deinen Lebensunterhalt - bereitgestellt von La Sagrada Família - lieber nicht gefährden, rate ich dringend vom Selberdenken ab!
Hast du dich an regelmäßigen Gebrauch erst gewöhnt, wirst du die Selberdenkerei so schnell nicht mehr los. Du wirst dich nach den zwar dumpfen, aber gemütlichen Zeiten sehnen, als Gelbwurst sich aus dem Nichts an der Wurstheke materialisierte, du mit dem latinoesken Tangolehrer vom Postkarten-Buenos Aires träumtest und fest davon überzeugt warst, dass Gruppen (welcher Erscheinungsform auch immer) lediglich eine Ansammlung stets vernünftig agierender Erwachsener wären.
Dein aufgewecktes Hirn wird nach einer Dosissteigerung verlangen. Einiges, was dir bisher den Kick verschafft hat, wird dich vielleicht bald langweilen und nach anregenderem Zeugs Ausschau halten lassen. Eine neue Milonga finden? Mit gemischter, moderner Musik? Weit fort? Neue Gesprächspartner finden? Womöglich musst du nachts um drei noch beim Internetdealer deines Vertrauens neuen E-Book Stoff herunterladen. Oder mal Jazz hören! Oder eine Operette? Kostet Zeit und Geld! Manchmal sogar alte Freundschaften.
Wieso solltest du dir das antun?
Es gibt heute doch so viele Identitätsversatzteile, aus denen man sich ein Selbstbild samt zugehörigem Meinungs-Gedankenpaket zusammenbasteln kann. Ist doch ganz kommod?! Anders als früher, als jede wusste, wo er "hingepflanzt" war, wer was tun durfte und was nicht - als die Gesellschaft starr war. Informationen als Hirnfutter konnte man nicht einfach mal schnell von Tante Google liefern lassen oder bei Youtube lernen. War damals der Freiheitsdruck als Anreiz zum Eigenhirngebrauch und somit persönlicher Entwicklung größer? Was meinen die Damen und Herren der 68-er Fraktion denn dazu?
Ich will dir jetzt auch kein aufklärerisches Gedankengut hinlöffeln. (Das darfst du, wenn's beliebt, selber nachlesen. Gugschdu Wikipedia oder sonstwo.)
Es ist viel einfacher:
Manche Zeitgenossen mögen das sehr: deine Einzigartigkeit. Die Folgen? Tiefe, reflektierte, auch kritische Gespräche. Von anderen Sichtweisen kosten. Gemeinsamkeiten finden. Oder Unterschiede. Oder beides, auch wenn's paradox wird. Respekt vor den (Hirn-)Leistungen anderer. Lernwille.
Ich schreibe bewusst nicht von Szenen oder Gruppen, sondern von Einzelnen. Diese Eigenbrötler und Eigenhirnnutzer haben nicht nur das EI gemeinsam.
Hast du Freude am Tun - am Denken in unserem Fall - schüttet dein Hirn diverse interne glücklichstimmende Hormone aus. Der Dopaminkick, wenn ich was kapiert habe, ist wirklich was Feines.
Und meiner Meinung nach das wichtigste PRO:
Selbstwirksamkeit spüren! Bewusst leben! Manchmal wenigstens oder wenn's nötig ist.
Nicht mehr gesteuert werden, sondern selber das Ruder in die Hand nehmen und den Kurs bestimmen. Das stimmt leicht und frei. Den Krawall aushalten lernen.
Wird nicht immer gelingen, aber immer öfter.
Probier's aus! Jetzt weißt du ja, worauf du dich einlässt und findest bestimmt noch weitere Belohnungen. Die darfst du uns gerne im Kommentar kredenzen!
Herzliche Grüße und bis bald,
]]>Dieser Text ist erstmals erschienen am 10. März 2017 am alten Blog-Wohnort: http://im-prinzip-tango.blogspot.com/2017/03/ist-selberdenken-echt-gefahrlich.html
Dies musst du tun (physiologisch) und das musst du tun (psychologisch) und auf keinen Fall jenes mehr (z.B. essen)! Und detoxen! Und trainieren! Und schädliche Glaubenssätze beackern! Und deine Vergangenheit enttraumatisieren und - jawoll! - dein inneres Kind zufriedenstellen. Sonst wird das nie was! Das kostet dich viel Arbeit! (Und viel Geld.) Klappt's trotzdem nicht mit der versprochenen ganzheitlichen Heilung, hast dich halt nicht genug angestrengt! Glück, Erfolg und Gesundheit gehen schließlich Hand in Hand!
Und da - beim letzten Punkt - muss ich doch zähneknirschend zustimmen. Aber ich hätt's halt gern ein bissele bodenständig formuliert. Deswegen fällt "holistisch" auch durch. Dass ein Mensch ein komplexes System darstellt, ist ja wahrlich nichts Neues. Für die Altvorderen war das eh klar (wie denn sonst?), und durch unsere Wissenschaftler ist es ein inzwischen dicht beforschtes Feld mit den schönen Namen "Psychoneuroimmunologie" und "Psychoneuroendokrinologie".
Aber man sieht schon an diesen sperrigen Wortschöpfungen mit P, dass die medizinische Sprachkiste auch nix Griffiges für den Hausgebrauch und Normalmenschen enthält.
Bliebe noch, sich im esoterisch-spirituellen Wortangebot zu bedienen. Fazit: entweder zu pathetisch, zu achtsam, zu rosabrillig, reißerisch / vollmundig / übertrieben, zu einseitig, zu belehrend, zu (ab-)wertend, zu defizitfokussiert.
Drum wasch ich der "Ganzheitlichkeit" einfach mal sämtlichen Marketingdreck ab und stelle sie dir in alter Frische vor:
Wichtig dabei ist das Wort "haben". Würden wir selbiges durch "sind" ersetzen, hätten wir ein gewaltiges Problem! In Körper wohnen unsere Seele, unsere Emotionen und Erinnerungen - Schmerz und Freude und alles dazwischen. Sogar unser Verstand braucht den sich bewegenden, fühlenden Körper, um artgerecht zu funktionieren.
Jede einzelne Zelle trägt und reagiert auf Erinnerungen sowie Gefühle, schaltet dabei Teile der DNA ein oder aus. Das kann Einfluss darauf haben, ob eine Zelle bei der nächsten Teilung entartet oder nicht. Man vermutet, dass der Effekt generationenübergreifend wirken kann. Zu den Zellerinnerungen wird gerade recht ausführlich - leider nicht immer seriös - geforscht.
Damit das funktioniert, sind alle Beteiligte des Systems bestens miteinander vernetzt und kommunizieren ständig: über neuronale Schaltstellen, das vegetative Nervensystem, körpereigene Botenstoffe (Hormone). So wird z.B. Gewebespannung reguliert, Abwehr- und Heilungsprozesse eingeleitet, Stoffwechsel (Atmung und Verdauung) hochgefahren oder gedrosselt etc. Müssten wir das alles großhirnisch kontrollieren, wären wir längst tot. Trotz Yoga, Ingwertee und säbelzahntigerfreier Umgebung.
Da wir täglich unzählige, wichtige und noch sehr viel mehr unwichtige Eindrücke zu verarbeiten haben, läuft ein großer Teil über das Unterbewusstsein, d.h. diese erscheinen gar nicht zur Entscheidungsvorlage in den grauen Zellen. Meistens funktioniert das prima. Unser Großhirn denkt dabei sogar, es hätte selbst entschieden und ist zufrieden. Und du auch ;)
Entscheidet unser Großhirn aber etwas, das dem Unterbewusstsein zuwiderläuft, reibts im Getriebe. Das macht der vorlaute Verstand mitunter gerne, indem er dir Erwartungen einflüstert oder dich mit anderen vergleicht. Er schickt dir im Körper fühlbare Gefühle (drum heißen sie so), meistens irgendeine Form von Angst. Das können Wut, ein komisches Zaudern, Beklemmungen oder ähnliches sein. Ungünstige Körperhaltungen bzw. Bewegungsmuster werden dann auch gerne (ein-)genommen.
***LINK: Siehe hier: http://im-prinzip-tango.blogspot.com/2017/02/das-trippeln-der-tango-und-die-angst.html
Das bedeutet für dein Ganzheitlichkeits-System Stress pur!
Was nicht schlimm wäre, würde er nur kurz andauern, um eine Gefahrensituation zu meistern und in körperlichem Auspowern enden, was die Alarmhormone abbaut. Diese Reaktionskette ist jedoch für den chronischen Gebrauch nicht konzipiert!
Die Viren freut's, da leichtes Spiel. Entzündungen nisten sich subakut oder gleich gescheit in deinen persönlichen Schwachstellen ein (Gelenke, Gefäße, Verdauungstrakt, ...). Deine Zellen mögen in diesem Zustand kaum Nährstoffe und was ihnen sonst gut täte, aufnehmen. Oder dein Körper wehrt total übermotiviert-kampfberauscht gegen Stoffe, die dir mit Ruh' im Herz gar nichts ausmachten: Unverträglichkeit in Magen und Darm oder eine hübsche Allergie. Abhängig von der Grundkonstitution wird der eine Mensch dick, um in der vermeintlichen Lebensgefahr Vorräte anzulegen. Der andere verliert den Appetit, magert ab. Der Blutdruck erhöht sich oft. Unruhe und Schlafstörungen kommen meistens dazu. Und da dein Großhirn in lebensgefährlichen Situationen zu langsam denkt, schaltet unser System im Stressfall um auf reflexartiges Reagieren. Kreativität und Lebenslust haben dann selbstverständlich auch keinen Platz. Reparatur und Regeneration warten auf der langen Bank - die haben Auszeit. Heilen? Nicht jetzt! Lebensgefahr!
Was zwischen Unbewusstem und Bewusstsein nicht passt, ist oft gar nicht genau zu bestimmen. Manchmal entscheiden die seelischen Hinterbänkler aufgrund einer alten Erfahrung, die dich verletzt hat. Vielleicht erinnert sich der Rational-Denkapparat gar nicht mehr daran, wertet den Sachverhalt als irrelevant oder bezieht Aussagen auf sich, die gar nicht so gemeint waren (oder manchmal doch). Das muss aus der heutigen Sicht gar nichts Schlimmes gewesen sein. Trotz allem produziert dein Unbewusstes eine Wenn-Dann-und-Darum-Regel:
"Wenn ich ... bin (setze ein Adjektiv deiner Wahl ein, z.B. "anders"),
dann passiert .... (Folge deiner Wahl, z.B. "soziale Ausgrenzung").
Daran ist klar zu erkennen, dass ... (Grund deiner Wahl, z.B. "ich nichts wert, arrogant, hässlich, zu dumm, ... bin").
Manchmal finden wir verkürzte Versionen ohne Interpretation abgespeichert: Einmal auf die heiße Herdplatte fassen reicht!
Wir alle haben solche internen Überzeugungen und Regeln en masse, und ein Großteil ist wirklich hilfreich! Das Großhirn hat so mehr kreativen Freiraum, es muss nicht ständig alles neu bewerten, sondern kann auf Bewährtes zurückgreifen. Manche dieser Glaubenssätze sind aber schlicht und einfach falsch, stimmen uns ängstlich, grantig, unglücklich. Fast immer, wenn dich etwas so richtig anpisst, trotz Ingwertee und Yoga, ist so eine ungute Überzeugung am Wirken. Diese Lügen spöken in deinem System herum, wie ein Virus auf der Festplatte deines Computers. Und wieder: Stress pur! Folgen: siehe oben. Und hintendrein kommen automatisch ungeliebte Gedankenschleifen aus dem Großhirn.
Triggert ein Außenimpuls das Verletzungs-Regel-Memory, wird Alarm im Jetzt eingeläutet. Denn die Aufgabe des Unterbewusstseins ist, dich zu schützen! Für Erfolge in der Welt dort draußen oder gar Glück ist es nicht zuständig. Nur schützen, deswegen wird es dich manchmal empfindlich ausbremsen. Sei ihm deswegen bitte nicht böse.
Oder muss man überhaupt schon wieder WAS TUN? Dran ARBEITEN? Hilft es, mit dem Hirn gegenzuhalten? Mit soviel Kraft wie möglich? Denn das Unterbewusstsein ist ein fast unüberwindbarer Kraftprotz! Da hast du keine Chance, sorry. Wusstest du, dass die gängigen Lebenshilfekonzepte, die lediglich dein intellektuelles Hirnkastl ansprechen, eine Versagerquote von 97 % zeigen? Es trotzdem zu versuchen, bringt wieder Stress pur auf allen Kanälen: Im Unbewussten, weil du etwas tun willst, was eben nicht deinen Überzeugungen entspricht (obwohl das teilweise nur stramme Lügen sind)? Das Unbewusste heißt so, weil es UNbewusst - dem Verstand nur in kleinen Teilen zugänglich - ist. Bearbeitbar nur über Bande, teilweise psychotherapeutisch. Dein Selbstbild knittert mit "Wieder nicht geschafft, du Versager", Angst-Beklemmung macht sich breit, und dein Körper wird mit Stress geflutet, was er nicht so gut findet und schmerzlich, entzündet, immungeschwächt reagiert. Und Schmerzen und Co sind auch effiziente Stressauslöser.
Egal, an welchem Faden des verknoteten Ganzheitlichkeits-Netzwerks man zieht, der gemeinsame Nenner ist meist Stress. Und damit meine ich nicht den situativen, sondern den chronisch im Hintergrund schwelenden.
Eben nicht mit Gewalt daran zu ARBEITEN, Leistungen großhirnisch von den verschiedenen Fraktionen zu einzufordern, mit Gewalt bewältigen und böse mit sich selbst zu sein, wenn es nicht klappt. Daran bist nicht du Schuld, sondern unserer Natur zuwiderlaufende Konzepte.
Sind intellektuelles Hirnkastl, Unterbewusstsein und Körper bis hinab zu den einzelnen Zellen ruhig, kann Heilung beginnen. Den Selbstheilungsmodus haben wir alle eingebaut, wir müssen ihn nur ungestört arbeiten lassen!
Dann arbeiten unsere Anteile zusammen, um dich soweit möglich in den Werkszustand zurückzuversetzen: zufrieden, Ruh' in Herz und Hirn, schmerzfrei, geschmeidig, kreativ und vor allem lebenslustig. Es wird dir sehr viel leichter fallen, mit klarem Kopf zu beurteilen, was du brauchst oder zu spüren, welche Therapie dir am wahrscheinlichsten helfen wird. Vielleicht siehst du nun ganz konkret, was du an deinem Umfeld ändern möchtest.
...dass sich Herz und Hirn nicht mehr streiten, sondern mögen und an einem Strang ziehen? Zumindest zeitweise? Ungute Überzeugungen loswerden? Körperliche Symptome und Gefühle beeinflussen? Zur Ruhe kommen, in den Regenerationsmodus umschalten? Ohne sich anzustrengen? Häh?
Arbeits- und/oder familiäre Belastungen reduzieren? Wie denn? Die Kinder im Schließfach am Bahnhof parken, die seniorigen Eltern an einem Rastplatz aussetzen mit Schild um den Hals? Lieber nicht arbeiten und Geld verdienen? Aber was füllt dann den Kühlschrank, zahlt die Miete? Eine gute Fee? (Mir ist eine solche noch nie begegnet.) Das Leben ist halt manchmal so - da kannst du drehen, wenden und schönreden wie du willst.
Stressige Aspekte streichen geht oft nicht. Arbeit reduzieren? Delegieren? Vielleicht, ist aber abhängig von der Dicke deines Portemonnaies. Außerdem kann es enorm stressen, wenn man sich einer Verantortung entzieht...
Wenn du eh sehr routiniert bist, dich bis ans Limit vollzupacken, fällt es dir wahrscheinlich leichter, noch "ein bissel" draufzupacken. Dieses spezielle "ein bissel" darf aber keine Arbeit sein, sondern ein Spielraum, der dir Freude macht, auch wenn ihn andere doof, kindisch, albern finden. Das können zwei Minuten sein, in denen du der Amsel im Garten zuhörst, ein Eis (unvernünftig vor dem Mittagessen) auf dem Weg heim von der Elternsprechstunde, oder was auch immer du dir sonst nicht erlaubst. Oder du bäckst dir Pfannkuchen, nachts, nachdem du eine Kochsendung angeschaut hast, da schlaflos. Du kannst dich auch auf der Toilette einschließen und im Krimi weiterlesen, den du dort versteckt hast?
Du musst nicht dein ganzes Leben von jetzt auf gleich umschmeißen: Beginne vorsichtig minutenweise mit Mini-Spielräumen. Du musst auch niemandem erzählen, was du in deinen "Ich bin dann mal weg"-Zeiten unternimmst. Du wirst sehen, wie wertvoll dir diese "Zeit-Verstecke" werden. Und die passen immer noch irgendwo dazwischen. Finde die Ritzen!
Mein neuester persönlicher "Spielraum": Seit Kindheit wollte ich immer Urzeitkrebse, wie in Yps früher. Da ich sie meinen Söhnen nicht andrehen konnte, hab ich mir vor vier Wochen endlich selbst welche gegönnt. Nun schwimmt schon die zweite Generation meiner "Ulis" (Uli ist genderneutral. Die Krebschen lassen sich schwer zuordnen und unterscheiden. Drum haben sie allen den selben Namen.)
Oder probiere das Züricher Ressourcen-Modell, Autogenes Training, Reiki, Traumreisen, in knisterndes Kaminfeuer starren, Tango tanzen - egal, Hauptsache, es passt zu dir!
Vielleicht fällt dir ja, so entstresst, regeneriert, kreativ und lebenslustig wie du ganz bald gewiss sein wirst, ein hübsches Synonym für "ganzheitlich" ein? Dann schreib mir bitte!
Prost mit Ingwertee und schönen Tag!
Herzliche Grüße,
Manuela
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